Der globale Blick: Best Practices und Trends im Vergleich
Die Gastautoren Nils Hafner und Roman Bannwarth beschreiben in ihrem Beitrag, was die Schweiz von internationalen Vertriebsmodellen in der Assekuranz lernen kann.
Nils Hafner,
Roman Bannwarth
Der Vertrieb wird zunehmend als Plattformprozess gedacht mit digitalem Vergleichs- und Abschlussprozess.Rido - stock.adobe.com
Nachdem Teil 1 das regulatorische Korsett und die Datenbasis beleuchtete und Teil 2 die kanalΓΌbergreifende Orchestrierung sowie das Zusammenspiel von Mensch und Maschine analysierte, richtet dieser abschliessende Teil den Blick ΓΌber Landesgrenzen hinaus.
Zu den Autoren
Roman Bannwarth ist erfahrener Unternehmensberater. Sein Spezialgebiet ist die Organisation und die Optimiert von Vertrieb und Marktbearbeitung in der Assekuranz.
Prof. Dr. Nils Hafner ist Experte fΓΌr Kundenbeziehungen bei Banken und Versicherungen. Er ist Professor am Institut fΓΌr Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) der Hochschule Luzern.
Die Debatte verleitet oft zu vereinfachenden Schlussfolgerungen: WΓ€hrend die USA und Asien, allen voran China, in Sachen technologischer Disruption und Skalierung fΓΌhrend scheinen, verharrt Europa vermeintlich in Γberregulierung. Eine differenzierte Analyse zeigt jedoch ein facettenreicheres Bild. Dieser Teil ordnet die grossen Trends anhand von drei charakteristischen Clustern entlang des in Teil 1 eingefΓΌhrten Reifegradmodells (Daten, Logik, Orchestrierung, AusfΓΌhrung):
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Abbildung: Trends zur Vertriebssteuerung mit KI anhand von drei charakteristischen Clustern.
Die Cluster A, B und C stellen kein Ranking oder globale Benchmark dar, sondern hΓΆchstens eine Ambition im Hinblick auf den Reifegrad zur KI-gestΓΌtzten Vertriebssteuerung: Welche FΓ€higkeiten sind in anderen MΓ€rkten sichtbar? Welche sind auf die Schweiz ΓΌbertragbar? Und ist die vermeintliche Β«Schweizer LangsamkeitΒ» mΓΆglicherweise ein bewusst gewΓ€hlter Preis fΓΌr QualitΓ€t, Governance und letztendlich eine vertrauensvolle Kundenbeziehung?
Die drei DACH-LΓ€nder (Deutschland, Γsterreich und Schweiz) reprΓ€sentieren den Typus des vertrauensbasierten QualitΓ€tsmarktes. Der gebundene Aussendienst und BrokerkanΓ€le bilden weiterhin das RΓΌckgrat des Vertriebs. KI wird primΓ€r als Assistenzsystem eingesetzt.
Der typische Hebel dieses Clusters ist weniger die vollstΓ€ndige Automatisierung des Vertriebs als die Transformation des Aussendienstes: bessere Conversion Rate (KI fΓΌr dynamisches Lead-Routing), bessere Vorbereitung (KI fΓΌr Risikobewertung), weniger Administration (KI/RPA fΓΌr Agendierung, Vorbereitung und Dokumentation) und gezieltere persΓΆnliche Beratung (KI fΓΌr personalisierte Cross- und Up-Selling-Angebote).
Das ist kein Gegensatz zu Innovation. Die Herausforderung entsteht dort, wo Governance, Legacy-Systeme mit Datensilos, fehlende digitale IdentitΓ€t (eID) sowie unterschiedliche Kanalinteressen die Skalierung verlangsamen. Der inhaltliche Schwerpunkt von Teil 3 liegt auf den beiden anderen Clustern (B und C), von denen die Schweiz konkret lernen kann.
Cluster B: Digitale Pioniere Β«Digital-FirstΒ»
Die Benelux-LΓ€nder, Skandinavien, Grossbritannien und Spanien gelten schon seit geraumer Zeit als fΓΌhrend im Versicherungsvertrieb, wenn es um digitale Reife, Plattform- und Aggregator-KanΓ€le sowie Embedded-Insurance-Modelle geht. Der Vorsprung manifestiert sich dabei nicht primΓ€r in komplexen KI-Modellen, sondern in der Infrastruktur, welche die Vertriebssteuerung ΓΌberhaupt erst datenseitig durchgΓ€ngig macht. Im Hinblick auf eine Β«Open InsuranceΒ» stellt dies eine wesentliche Voraussetzung dar. Sie entspricht den Stufen 1 (Daten) und 2 (Logik) unseres Reifegradmodells, wo die Schweizer Versicherungslandschaft erst in Teilen angekommen ist.
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Benelux & Skandinavien: Γkosystem-Integrationen
In den Benelux-LΓ€ndern und Skandinavien profitiert die Vertriebssteuerung von (teilweise staatlich) etablierten eID-Infrastrukturen (z. B. BankID in Schweden) bei einer sehr hohen Akzeptanz einer rein digitalen Interaktion.
Daten & Logik Die VollstΓ€ndigkeit und Identifizierbarkeit von Kundendaten ΓΌber Schnittstellen ermΓΆglicht eine nahezu lΓΌckenlose Echtzeit-Datenbasis.
Embedded Insurance & Γkosysteme KI-Modelle steuern hier nicht nur den eigenen Direktkanal, sondern sind direkt in Banking-, Retail- oder E-Commerce-Plattformen eingebettet. Die Next-Best-Offer (NBO) wird in Sekundenbruchteilen am digitalen Check-Out (Kasse) des Partners berechnet.
Grossbritannien & Spanien: Aggregatoren-MΓ€rkte
Der britische und der spanische Markt sind durch Vergleichs- und Aggregator-Plattformen geprΓ€gt. Der Vertrieb wird zunehmend als Plattformprozess gedacht mit digitalem Vergleichs- und Abschlussprozess.
Effizienzfokus Der Wettbewerb ist hochkompetitiv und primΓ€r preisgetrieben. KI dient hier als essenzielles Werkzeug, um die Akquisitionskosten in den Aggregatoren-KanΓ€len unter Kontrolle zu halten.
Predictive Underwriting & Dynamic Pricing Im P&C-GeschΓ€ft entscheidet die Echtzeit-FΓ€higkeit der Algorithmen. KI-Modelle analysieren in Bruchteilen von Sekunden die PreissensibilitΓ€t des Kunden und steuern die Preissetzung sowie die Risikoselektion (Predictive Underwriting) direkt am Point of Sale.
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Wo standardisierte Produktinformationen, eine digitale Tarifierung und entsprechende APIs vorhanden sind, kann KI viel frΓΌher in die Customer Journey eingreifen und Leads erfassen, Risiken vorbewerten, Angebote personalisieren, Kanal bestimmen und Follow-ups automatisieren.
Aus dem klassischen Next-Best-Action-Modell wird ein digitaler Entscheidungsprozess mit kurzen Reaktionszeiten. Der Digital-First-Vorsprung ist primΓ€r ein Infrastrukturvorsprung (Systeme & Schnittstellen, Daten & eID), kein Modellvorsprung. Er lΓ€sst sich nicht mit einem besseren Algorithmus aufholen, sondern nur mit durchgΓ€ngigen Daten.
In den USA und China unterscheidet sich die Vertriebssteuerung nicht nur im Reifegrad, sondern in der zugrundeliegenden Philosophie. Hier wird die Grenze von Stufe 3 (Orchestrierung) zu Stufe 4 (AusfΓΌhrung) erreicht, bzw. mit der autonomen und automatischen AusfΓΌhrung gar ΓΌberschritten.
USA: Von der regelbasierten Automation zur Β«Agentic AIΒ»
WΓ€hrend europΓ€ische Systeme dem Berater ein NBO-Signal liefern, testen US-Insurtechs und globale Vorreiter autonome KI-Agenten (Agentic Workflows). Diese Agenten agieren als quasi selbststΓ€ndige Vertriebseinheiten:
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Bereits RealitΓ€t ist die von Liberty Mutual als erster Versicherer lancierte dialogbasierte Offert-Applikation direkt in ChatGPT. Angebunden an die Rating-Engine, erstellt die Applikation dialogbasierte Offerten ohne Formular und Antragsfragen. Der Abschluss erfolgt danach auf der Website des Versicherers. Aktuell ist die LΓΆsung in sieben Bundesstaaten verfΓΌgbar, bis Ende Jahr sollen es ΓΌber 40 sein.
Superagent AI hat mit dem Β«Quoting AI AgentΒ» (seit Februar 2026 live) einen autonomen Agenten fΓΌr unabhΓ€ngige Agenturen lanciert, der Kundendaten erfasst, die Rating-Systeme mehrerer Carriers parallel durchlΓ€uft und darauf basierend Angebote ΓΌber mehrere Carriers generiert.
Entscheidend ist weniger der Superlativ, der von Superagent AI ausgeht, als der zugrunde liegende Paradigmenwechsel: Der Mensch macht nicht ein Angebot auf Basis der Empfehlung der Maschine, sondern die Maschine erstellt das Angebot direkt auf Basis ihrer Empfehlung und fΓΌhrt bis zum Abschluss den gesamten OAP-Prozess selbststΓ€ndig End-to-End aus.
Benchmark China: Super-App-Integration
Ping An gilt als Benchmark fΓΌr mobile-first, in eine Super-App integrierte KI-Vertriebssteuerung. Dabei verbindet Ping An in der Super-App Versicherung, Banking, Gesundheit und weitere personenbezogene Dienstleistungen zu einem umfassenden Lifestyle-Γkosystem. Zudem steuern KI-Agenten Distribution und Schaden (teilweise im Sekundentakt) auf der Basis von Sprach- und Bilddaten, die ΓΌber mehrere Jahrzehnte gesammelt wurden und in Echtzeit zugΓ€nglich sind.
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Im Anschluss erfolgt ein Instant Underwriting durch das Angebots- und RisikoprΓΌfungssystem, welches Verhaltensdaten zur Risikobewertung ebenfalls in Echtzeit nutzt. Zur Kundeninteraktion kommen Gamification-Elemente zum Einsatz. Der Γbergang von der Kundeninteraktion zum Abschluss erfolgt ohne Reibungsverluste innerhalb derselben Super-App.
Die Bedeutung liegt dabei nicht nur in einzelnen KI-Modellen, sondern in der Kombination von Daten, Plattform, IdentitΓ€t, Produktwelt und operativer AusfΓΌhrung. Das ist der Kern von Β«Agentic DisruptionΒ»: Nicht die KI allein wird zum Wettbewerbsvorteil, sondern das Γkosystem, in dem sie handeln darf.
Standortbestimmung: Schweizer Langsamkeit als Vorteil?
Was hat die Welt uns tatsΓ€chlich voraus? Eine ehrliche Standortbestimmung:
RΓΌckstand: Infrastruktur (Daten & Schnittstellen) Gerade im Vergleich zu Skandinavien leidet die Schweizer Assekuranz unter einer stΓ€rker fragmentierten Systemlandschaft und dem Fehlen standardisierter Γkosystem-Schnittstellen. Datensilos zwischen Kernsystemen und modernen Frontends bremsen den Echtzeit-Einsatz von KI-Modellen und limitieren somit Skalierbarkeit und Effizienz.
Vorsprung: Vertrauen (Governance & BeratungsqualitΓ€t) Diese Faktoren werden mit zunehmender Autonomie der KI paradoxerweise wichtiger statt unwichtiger. Wo agentische Systeme an ihre Vertrauensgrenze stossen und wo der EU AI Act die Risikobewertung und Preisbildung in der Lebens- und Krankenversicherung als hochriskant einstuft, wird die vermeintliche Schweizer Langsamkeit zum Standortvorteil.
Auftrag Dieser sollte nicht lauten Β«kopierenΒ», sondern Β«selektiv adaptierenΒ»: DatendurchgΓ€ngigkeit der Digital-First-MΓ€rkte nachziehen, Skalierungs-Know-how der Γkosysteme beobachten und dabei den eigenen Vertrauensvorsprung nicht preisgeben. Ganz aktuell dazu der Aufruf von Dario Amodei, CEO von Anthropic, Β«We must pace the frontierΒ». Dies gilt besonders fΓΌr autonom tΓ€tige KI-Agenten, die ohne Eingriff durch den Menschen agieren.
Wirtschaftlichkeitsbetrachtung: Business Cases im Vergleich
Der internationale Vergleich bestΓ€tigt die Kernthese der Serie: Der ROI der Vertriebssteuerung mit KI entsteht nicht dort, wo am meisten Modell steckt, sondern dort, wo Daten durchgΓ€ngig sind. Wer, wie die Digital-First-MΓ€rkte, digitale IdentitΓ€t und DatendurchgΓ€ngigkeit verfΓΌgbar macht, senkt die Akquisitions- und Abschlusskosten nachhaltig. Wer, wie die Schweiz, BeratungsqualitΓ€t und Vertrauen hΓ€lt, verteidigt Marge und Kundenbindung dort, wo die automatisierte Ansprache an ihre Grenzen kommt. Der grΓΆsste Hebel bleibt damit derselbe wie in Teil 1: die konsistente Verbindung von DatenqualitΓ€t, Prozessen und Steuerungslogik.
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Key Takeaways
Entlang des Reifegradmodells lassen sich drei Cluster unterscheiden: vertrauensbasierte QualitΓ€tsmΓ€rkte (DACH), Digital-First-MΓ€rkte (Benelux, Skandinavien, Grossbritannien, Spanien) und agentische Γkosysteme (USA, China).
Der Vorsprung der Digital-First-MΓ€rkte ist primΓ€r ein Infrastruktur- und kein Modellvorsprung. Er entsteht auf den Stufen 1 und 2 des Reifegradmodells (durchgΓ€ngige Daten, eID und offene Schnittstellen).
Die agentischen Γkosysteme verschieben die Grenze von der Empfehlung zur autonomen AusfΓΌhrung. FΓΌr die Schweiz heisst die Antwort nicht kopieren, sondern selektiv adaptieren: DatendurchgΓ€ngigkeit nachziehen, Skalierungs-Know-how beobachten und die eigene Vertrauensposition als Standortvorteil halten.
Mit zunehmender KI-Autonomie werden Vertrauen, BeratungsqualitΓ€t und Governance nicht unwichtiger, sondern wichtiger. Und bekanntlich lΓ€sst sich Verantwortung nicht delegieren, weder an die KI noch an Dritte.