KI-gestützte Vertriebssteuerung im regulatorischen Korsett
KI-Vertriebssteuerung: Warum Schweizer Versicherer jetzt die Brücke vom Experiment zur produktiven Realität schlagen müssen.
Nils Hafner,
Roman Bannwarth
Die Investition in eine KI-basierte Vertriebssteuerung ist kein reines IT-Projekt, sondern eine breite betriebswirtschaftliche Notwendigkeit.VideoFlow - stock.adobe.com
Künstliche Intelligenz hat den Schweizer Versicherungsmarkt erreicht. Die Diskussion wird allerdings häufig von Chatbots und spektakulären Use Cases rund um generative KI dominiert (LLM), während der eigentliche Hebel zur Wertschöpfung (noch) nicht genutzt wird. Denn die Schlüsselfrage lautet: Wie werden Daten genutzt, um den Kunden mit dem richtigen Angebot über den richtigen Kanal und zum richtigen Zeitpunkt anzusprechen?
Zu den Autoren
Roman Bannwarth ist erfahrener Unternehmensberater. Sein Spezialgebiet ist die Organisation und die Optimiert von Vertrieb und Marktbearbeitung in der Assekuranz.
Prof. Dr. Nils Hafner ist Experte für Kundenbeziehungen bei Banken und Versicherungen. Er ist Professor am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) der Hochschule Luzern.
Aktuell findet sich KI eher selten in der Vertriebssteuerung. Bis anhin war (und ist) KI als Prototyp (MVP) oder höchstens als Pilot anzutreffen. In den seltensten Fällen ist KI produktiv in das Tagesgeschäft zur Vertriebssteuerung integriert. Diese Lücke zwischen Experiment und Realität steht im Mittelpunkt dieser Artikelserie.
«Der persönliche Vertrieb bleibt das Herzstück unseres Erfolgs. KI ersetzt ihn nicht, sondern hilft uns, unsere Vertriebskapazitäten gezielt dort einzusetzen, wo sie den grössten Mehrwert schaffen. Dadurch erkennen wir Kundenbedürfnisse früher, setzen Prioritäten und nutzen Chancen konsequenter. Gleichzeitig schaffen wir Freiräume für das, was im Vertrieb den Unterschied macht: persönliche Beratung, individuelle Lösungen und langfristige Kundenbeziehungen.» Simon Weiner, Leiter Vertriebsverbund & Marktbearbeitung, Mitglied der Geschäftsleitung, Helvetia Schweiz.
Regulatorik als Leitplanke statt Innovationsbremse
Anders als die EU verfügt die Schweiz über keine spezifische KI-Gesetzgebung. Der Bundesrat hat am 12. Februar 2025 das EJPD beauftragt, gemeinsam mit dem UVEK und dem EDA bis Ende 2026 eine Vernehmlassungsvorlage zu erarbeiten. Diese soll die KI-Konvention des Europarats umsetzen und namentlich Datenschutz, Transparenz, Nichtdiskriminierung und Aufsicht adressieren.
Bis dahin gilt der prinzipienbasierte und technologieneutrale Ansatz der FINMA gemäss Aufsichtsmitteilung 08/2024: «same business, same risks, same rules». Der Grundsatz der FINMA-Praxis besagt, dass sich die Verantwortung nicht delegieren lässt – weder an die künstliche Intelligenz noch an Dritte. Schweizer Versicherer müssen somit Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Governance ihrer Algorithmen jederzeit gewährleisten.
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Für die Vertriebssteuerung mit KI ergeben sich drei wesentliche Grundsätze:
Datenschutz: Das revidierte Datenschutzgesetz (DSG) setzt enge Grenzen, insbesondere bei automatisierten Einzelentscheidungen und beim Profiling mit hohem Risiko. Dies bedeutet, dass die Kunden aufzuklären sind, wenn weitreichende Entscheidungen rein maschinell getroffen werden.
Algorithmische Fairness: Ein KI-Modell darf Kunden nicht aufgrund diskriminierender Merkmale systematisch benachteiligen. Dies ist z.B. von hoher Relevanz bei einer wertorientierten Segmentierung in der Krankenzusatzversicherung (Value-Based-Segmentation).
EU AI Act: Für Schweizer Erst- und Rückversicherer mit Tochtergesellschaften in der EU oder bei grenzüberschreitendem Geschäft ist der EU AI Act bereits heute faktischer Standard. Fazit: Wer für die Zukunft auf der sicheren Seite stehen will, orientiert sich schon jetzt an den strengeren Transparenz- und Risikoklassifizierungen der EU.
Vertriebssteuerung mit KI: Steuerung entlang von fünf Kernfragen
KI-gestützte Vertriebssteuerung bezeichnet die systematische, modellbasierte Allokation von Vertriebskapazitäten. Auf Basis prädiktiver und präskriptiver Algorithmen (z.B. Machine Learning) werden historische und Echtzeit-Daten analysiert, um Aktivitäten (Next Best Actions) von Mensch und Maschine so zu steuern, dass Kundeninteraktion, Abschlusswahrscheinlichkeit und schliesslich Deckungsbeitrag maximiert werden. Im Unterschied zur Marketing-Automation (Stichwort E-Mail-Tsunami) steht dabei nicht die Kampagnensteuerung im Vordergrund, sondern die operative Entscheidungsunterstützung entlang der gesamten Customer Journey an den entsprechenden Touchpoints anhand von fünf Kernfragen:
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WAS bieten wir an? Bedarfsgerechtes (Idealfall massgeschneidertes), auf den Empfänger zugeschnittenes Angebot, d.h. Produkt oder/ und* Service.
WIE treten wir in Kontakt? Steuerung bzw. Orchestrierung über den wirksamsten Kanal bzw. Touchpoint der Customer Journey.
WEN steuern wir? Endkunden, interne Vertriebsmitarbeitende oder externe Vertriebspartner.
WOZU ergreifen wir die Massnahme? Cross- und Up-Selling, Next Best Offer, Lead-Priorisierung, Churn-Prävention oder Vermittlersteuerung.
WANN interagieren wir? Optimaler Zeitpunkt im Kundenlebenszyklus (= Makroebene) bzw. in der Customer Journey (= Mikroebene).
Damit entsteht ein Steuerungsinstrument, das die Business- und die Technologieperspektive verbindet und den Vertrieb datenbasiert orchestriert.
Begriffe
API (Application Programming Interface): Programmierschnittstelle, über die zwei Systeme automatisiert und in Echtzeit Daten austauschen, z.B. die Verbindung von KI-Modell mit Kunden- oder Partnersystem.
Cross- und Up-Selling: Gezielter Verkauf ergänzender (Cross-Selling) und höherwertiger (Up-Selling) Produkte an einen bestehenden Kunden.
Customer Journey: Gesamtheit aller Phasen und Berührungspunkte, die ein (potenzieller) Kunde von der ersten Wahrnehmung über den Abschluss bis hin zu Betreuung , Vertragsverlängerung und Schadensabwicklung mit dem Versicherer durchläuft.
Churn-Prävention: Frühzeitiges Erkennen abwanderungsgefährdeter Kunden, um gezielt gegenzusteuern.
Diskriminierung: Systematische Benachteiligung von Personen aufgrund geschützter oder sensibler Merkmale (z.B. Geschlecht, Herkunft, Gesundheitszustand).
EU-Risikoklassifizierung: Risikobasierter Ansatz des EU AI Act, der KI-Systeme nach Gefährdungspotenzial in vier Risikoklassen einteilt: Unannehmbar (= verboten), Hoch (= strenge Auflagen), Begrenzt (= Transparenzpflichten) und Minimal (= weitgehend frei). Risikobewertung und Preisbildung in der Lebens- und Krankenversicherung gehören entsprechen grundsätzlich der Risikoklasse «Hoch».
EU-Transparenzklassifizierung: Im EU AI Act verankerte Transparenzpflichten für bestimmte KI-Systeme. Betroffene müssen erkennen können, dass sie mit einer KI interagieren (z.B. Chatbot), dass Inhalte KI-generiert sind oder dass Entscheidungen basierend auf 2KI automatisiert erfolgen.
Halluzination: Falsche oder erfundene Ergebnisse eines KI-Modells – insbesondere bei generativen Sprachmodelle (LLM).
Lead-Priorisierung: Allokation von Verkaufschancen nach Abschlusswahrscheinlichkeit.
MVP (Minimum Viable Product): Kleinste funktionsfähige Ausbaustufe einer technischen Lösung, die mit minimalem Aufwand umgesetzt wird, um den Nutzen der Lösung frühzeitig zu validieren und anschliessend iterativ auszubauen.
Next Best Offer: Passendes Angebot an einen konkreten Kunden über einen konkreten Kanal zu einem konkreten Zeitpunkt.
Profiling: Automatisierte Verarbeitung personenbezogener Daten, um persönliche Aspekte zu bewerten oder vorherzusagen (z.B. Kaufverhalten, Zahlungsfähigkeit, Abwanderungsrisiko). Profiling mit hohem Risiko unterliegt nach dem revidierten Datenschutzgesetz (DSG) besonderen Aufklärungs- und Schutzpflichten.
Prädiktion: Vorhersage eines zukünftigen Ereignisses oder Zustands auf Basis historischer und Echtzeitdaten, z.B. die Wahrscheinlichkeit eines Abschlusses oder eines Stornos (Abwanderung).
Präskription: Aufbauend auf der Prädiktion die Ableitung konkreter Handlungsempfehlungen – also nicht nur, was passieren wird, sondern was deshalb zu tun ist (z.B. die Next Best Action).
Score: Numerischer Wert, den ein KI-Modell einem Objekt, z.B. einem Lead, zuweist. Er drückt aus, wie wahrscheinlich ein bestimmtes Ergebnis ist, z.B. die Abschlusswahrscheinlichkeit.
Vermittlersteuerung: Datengestützte Lenkung von Vermittlern und Partnern (z.B. Generalagenturen, Broker) hinsichtlich Aktivitäten, Portfolio und Profitabilität.
Warum jetzt? Die Treiber im Schweizer Markt
Aktuell bestimmen bzw. verstärken vier Kräfte den Druck auf die Schweizer Assekuranz:
Regulierung: Richtlinien und Standards stecken den Rahmen ab, in dem eine KI-gestützte Vertriebssteuerung stattfinden kann. Auf die externen Rahmenbedingungen wurde bereits im Kapitel «Regulatorik als Leitplanke statt Innovationsbremse» eingegangen. Dazu kommen – insbesondere bei Konzernstrukturen – auch interne Leitplanken, etwa «Sales Compliance Standards».
Kostendruck: Kunden sind zunehmend preissensibel bei gleichzeitig zunehmenden Ansprüchen. Sie ermitteln ihre «beste Lösung» selbständig (Stichwort ROPO). Gleichzeitig steigen Investitionen in neue Technologien und nicht zuletzt die Kosten zur Erfüllung regulatorischer Anforderungen.
Verändertes Kundenverhalten: Kunden erwarten möglichst massgeschneiderte Angebote, umfassende digitale Services und nahtlose Übergänge zwischen den Kanälen und dies unabhängig davon, wie der Erstkontakt erfolgte.
Technologie: Versicherer verfügen über ein historisch gewachsenes Nebeneinander von Kern- und Reporting-Systemen (z.B. DWH) sowie Kunden (z.B. CRM)- und Partnerplattformen (z.B. Broker-Portal). Dieses bildet kein konsistentes Datenökosystem, wie es eine KI-basierte Vertriebssteuerung eigentlich voraussetzt.
Den noch tiefen Reifegrad belegt die FINMA-Umfrage von Ende 2024/Anfang 2025: Die Governance- und Risikomanagement-Strukturen rund um KI befinden sich bei den meisten Organisationen **erst im Aufbau. Das Bild verfestigt sich zunehmend: viel Experiment, wenig durchgängige Steuerung. Auch ist der Faktor Mensch nach wie vor zentral.
Die vier Kernherausforderungen der Implementierung
Die Einführung KI-gestützter Vertriebssteuerung scheitert selten an den KI-Modellen. Massgebend für den Reifegrad sind in der Praxis neben datenbezogenen auch organisatorischen Faktoren.
Datenqualität (Daten-Dimension): Unvollständige Stammdaten oder mangelnde Definitionen von Transaktionsdaten (z.B. Kundenstatus) führen dazu, dass selbst leistungsfähige KI-Modelle keine belastbaren Ergebnisse liefern. Denn KI skaliert in beide Richtungen: ins Positive wie auch ins Negative. Hinzu kommen Datensilos zwischen Kern- und Kundensystemen sowie zwischen operativen und Reporting-Systemen. Informationen zu Kundeninteraktionen werden teils mehrfach gespeichert oder unterschiedlich interpretiert. Es entstehen konkurrierende «Wahrheiten», welche die Prädiktion und damit die Steuerung mindestens erschweren.
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Steuerungsmodelle (Logik-Dimension): Viele Versicherer bewegen sich in hybriden Systemlandschaften. Das Zusammenspiel zwischen einem modernen, oft Cloud-basierten Vertriebs-Frontend (z.B. Salesforce) und den starren Kernsystemen (Police & Vertrag, Schaden & Leistung) gleicht häufig einer Übersetzungsarbeit von Technologien verschiedener Generationen. Die Herausforderung liegt damit primär in der Integration der Modelle in die bestehenden Prozesse und weniger in der Entwicklung unnötig komplexer KI-Modelle. Ohne Echtzeit-Schnittstellen (APIs) verpufft auch der Wert eines Echtzeit-Scores.
Multikanalmanagement (Orchestrierungs-Dimension): Unterschiedliche Kanäle bzw. Vertriebsorganisationen (z.B. Generalagentur vs. Direkt) und teilweise auch Regionen verfolgen eigene Steuerungslogiken und Kennzahlen (KPI). Statt einer durchgängig abgestimmten Customer Journey entstehen Parallelaktivitäten, die sich im schlimmsten Fall kannibalisieren.
Mensch & Maschine (Ausführungs-Dimension): KI-Modelle finden bei Aussendienstmitarbeitenden nur Akzeptanz, wenn erstens vollständige Transparenz herrscht und zweitens diese als Unterstützung wahrgenommen werden, nicht als Ersatz ihrer fachlichen Kompetenz. Ignorieren Aussendienstmitarbeitende z.B. einen maschinell generierten Lead, weil sie ihn als «Black-Box» wahrnehmen, bleibt auch das beste KI-Modell weitgehend nutzlos für die Vertriebssteuerung.
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Das Reifegradmodell
Diese Herausforderungen lassen sich entlang eines einfachen Reifegradmodells einordnen, das von der Datenbasis bis zur Ausführung aufeinander aufbaut:
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Abbildung: Reifegradmodell Vertriebssteuerung mit KI.
Fazit
Die Einführung KI-gestützter Vertriebssteuerung ist kein Technologie-, sondern ein Transformationsprojekt. Entscheidend sind vier miteinander verbundene Stufen, bzw. Dimensionen. Anhand der Abbildung «Reifegradmodell zur Vertriebssteuerung mit KI» ist dem Lesenden überlassen sein Unternehmen bezüglich aktuellen Reifegrades einzuschätzen und entsprechend den Aufwand zur Erreichung der nächsten Stufe zu erreichen.
Wirtschaftlichkeit: Lohnt sich dieser Aufwand?
Die Investition in eine KI-basierte Vertriebssteuerung ist kein reines IT-Projekt, sondern eine breite betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Erste Analysen deuten darauf hin, dass Organisationen mit überwiegend konsistenten Daten und etablierter Governance ihre Streuverluste im Vertrieb spürbar – in einzelnen Fällen um bis zu 20 Prozent – senken können. Diese Erkenntnis ist nicht neu: Datenbasierte Vertriebssteuerung existierte schon zu Zeiten des ersten CRM-Hypes. Neu hingegen ist die kontinuierliche Verbesserung des KI-Modells und der gleichzeitige Abgleich mit den operativen Kunden- und Partnersystemen. Somit wird gewährleistet, dass die Vertriebsfunktionen (Mensch und Maschine) jederzeit mit aktuellen Scores und konkreten Aktivitäten versorgt sind. Es darf nicht mehr sein, dass am Hauptsitz aus dem Analyse-System Excel-Listen generiert, welche Aussendienstmitarbeitende abarbeiten müssen.
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Der wirtschaftliche Nutzen entsteht somit aus der besseren Allokation knapper Vertriebsressourcen. Bereits moderate Verbesserungen bei Cross- und Up-Selling, Lead-Priorisierung oder Churn-Prävention erzielen spürbare Effekte.
Dem stehen Investitionen in Datenmanagement, Governance sowie Prozesse und organisatorischen Wandel gegenüber. Der grösste Return on Investment ergibt sich erfahrungsgemäss aus der Fähigkeit, Datenqualität, Vertriebsprozesse und Steuerungslogik konsistent miteinander zu verbinden und nicht in der Überspezifikation des KI-Modells.
Ausblick auf Teil 2
Ist die Datenbasis bereinigt und das regulatorische Fundament geklärt, folgt die anspruchsvollere Aufgabe: die Orchestrierung der vielfältigen Kanäle mit KI, ohne dass diese gegeneinander arbeiten. Teil 2 beleuchtet dieses Omnichannel-Paradoxon und zeigt, wie etwa Next-Best-Action-Modelle und Agentic AI das Zusammenspiel von Mensch und Maschine grundlegend verändern.
Quellen: FINMA, Medienmitteilung zur KI-Umfrage (24.04.2025); FINMA-Aufsichtsmitteilung 08/2024 «Governance und Risikomanagement beim Einsatz Künstlicher Intelligenz» (18.12.2024); Bundesrat/EJPD, Grundsatzentscheid zur KI-Regulierung (12.02.2025).