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Digitalisierung

Broker im Umschwung

Der Druck auf die Branche zwingt zur Digitalisierung der Kundeninteraktion und zur Automatisierung von internen Prozessen. Die grossen Schweizer Broker setzen dabei auf unterschiedliche Strategien.

Matthias Niklowitz

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Digitale LΓΆsungen werden immer mehr Bestandteile des klassischen Broking ablΓΆsen. iStock

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Broker sind in der Versicherungsindustrie in einer vergleichsweise komfortablen Position: Sie arbeiten nicht als Underwriter, haben kaum Eigenmittelvorschriften und die Konsolidierung ist relativ weit fortgeschritten. In MΓ€rkten wie den USA dominieren die Top 10 Broker im SchadengeschΓ€ft 70 Prozent des Marktes. In der Schweiz entfallen auf die Top 5 mehr als drei Viertel des PrΓ€mienkuchens. Die Kommissionseinnahmen (typischerweise 10 bis 15 Prozent der platzierten PrΓ€mien) sowie die GebΓΌhren verschaffen den Versicherungsbrokern stabile EinnahmestrΓΆme. Β«Ich weiss schon jetzt, was ich in diesem Jahr einnehmen werdeΒ», sagte der CEO eines grossen Schweizer Brokers Ende Januar an einem Management-Strategietag seiner Firma. Auf Ausgabenseite bilden die LΓΆhne laut den Analysten von Morgan Stanley mit 60 Prozent den grΓΆssten Posten. AbzΓΌglich weiterer 20 Prozent fΓΌr die operativen Posten wie BΓΌromieten, Reisen und fΓΌr die IT verbleiben unter dem Strich rund 20 Prozent als Gewinn.

Attraktives GeschΓ€ft

Das Wachstum des PrΓ€mienvolumens der Broker hΓ€ngt im SchadengeschΓ€ft vor allem von der PrΓ€mienpreisentwicklung ab. Wenn ein Broker seine Kosten straff kontrolliert, kann er auch seine Margen ausweiten. Unter dem Strich bringt dieses Β«Capital-LightΒ»-GeschΓ€ftsmodell freie Cash- flows von 3 bis 5 Prozent. Das klingt attraktiv. Und so geben sich die Chefs grosser Schweizer Broker locker. Β«Wir sehen die Zukunft sehr positivΒ», gibt sich Christian Kessler, Mitglied der GeschΓ€ftsleitung der Kessler & Co AG, entspannt. Β«Im anspruchsvollen Umfeld, in dem sich die Schweizer Wirtschaft im In- und Ausland befindet, wird die professionelle und mehrwertorientierte Betreuung im Risiko-, Versicherungs- und Vorsorgemanagement auch morgen relevant seinΒ», ist er sich sicher. Β«Broker, die sich als gesamtheitliche Berater in sΓ€mtlichen Risikofragen profilieren kΓΆnnen, werden auch in Zukunft bestehen kΓΆnnenΒ», ist auch Urs Bleisch, CEO der Funk-Gruppe, ΓΌberzeugt. Β«Es wird aber aller Voraussicht nach eine weitere Konsolidierung stattfinden, wobei der ersten Welle (grΓΆssen- bzw. skalengetriebene Konsolidierung) eine zweite Welle (inhaltlich-qualitative Konsolidierung) folgen wird.Β»

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Dass das Broker-GeschΓ€ft attraktiv ist, haben inzwischen auch die weiteren Versicherungen entdeckt. Β«Wir stellen fest, dass Versicherer sich in diesem Rennen positionierenΒ», beobachtet Paul Berchtold, COO von Aon Risk Solutions. Β«Sichtbar ist das am aktuellen Beispiel mit Sobrado, wo Axa als neuer HauptaktionΓ€r neben der Swiss Life eingestiegen ist.Β» Gerade in den grossen, hochvolumigen PrΓ€mienpools, wo vielerorts (aber noch nicht sehr ausgeprΓ€gt in der Schweiz) die Margen unter Druck sind, verkaufen Versicherungen zunehmend direkt ΓΌber ihre eigenen Online-KanΓ€le und zukΓΌnftig wohl auch ΓΌber Amazon-Γ€hnliche Plattformen. Zudem skaliert das Broker-GeschΓ€ft, was die stΓ€ndige Konsolidierung weiter befeuert. Bei kleineren Adressen liegt der Preis in den USA beim FΓΌnf- bis Siebenfachen des Betriebsgewinns. GrΓΆssere Adressen werden fΓΌr das Acht- bis Zehnfache ihres Gewinns gekauft.

Druck nimmt zu

Allerdings gibt es auch UmwΓ€lzungen und nicht alle Branchenvertreter sehen die Broker-Welt so optimistisch, wie sie sich gegenwΓ€rtig prΓ€sentiert. Β«Aufgrund des stetig steigenden Margendrucks, der komplexeren regulatorischen Anforderungen sowie der rasch zunehmenden Digitalisierung werden die Versicherungsmakler in der Schweiz weiter unter Druck geratenΒ», prophezeit Paul Berchtold von Aon, der als Teil eines globalen Anbieters auch eine andere Perspektive einnimmt. Β«Es ist voraussehbar, dass das klassische MaklergeschΓ€ft fΓΌr weniger komplexe VersicherungsgeschΓ€fte vermehrt durch online Vergleichs- und PlatzierungsmΓΆglichkeiten substituiert wird.Β» Die Konsolidierung im Schweizer Brokermarkt werde ebenfalls an Tempo gewinnen. Steigende IT-Investitionskosten zur ErfΓΌllung der Automatisationsziele und der regulatorischen Vorgaben sind laut Berchtold die Treiber dieser Entwicklung. Β«Immer mehr Makler machen sich ΓΌber die Nachfolgeplanung Gedanken und informieren sich ΓΌber entsprechende MΓΆglichkeiten von Partnerschaften und ZusammenschlΓΌssen.Β»

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Als stΓ€rkster Faktor der kommenden UmwΓ€lzungen dΓΌrfte sich laut Analysten die Digitalisierung entpuppen. Β«Digitale LΓΆsungen werden immer mehr Bestandteile des klassischen Broking ablΓΆsen und die WertschΓΆpfungskette eines Maklers aufbrechenΒ», erwartet Berchtold. Β«Es ist absehbar, dass zukΓΌnftig auch Neueinsteiger aus dem Onlinemarkt vermehrt im Versicherungsbereich LΓΆsungen anbieten werden, sofern diese strategisch interessant sind und Rendite versprechen.Β»
Laut den Experten von Hifluence, einem niederlΓ€ndischen Beratungshaus, sind die wichtigen Aufgaben eines Brokers – u.a. das Assistieren von Kunden beim Kauf ihrer Versicherungen, die Vermittlung von Informationen und die Begleitung bei SchadenfΓ€llen – durch die Digitalisierung bedroht. Kontakte von Mensch zu Mensch verlieren durch einfache Tools, Apps und Vergleichsplattformen zunehmend an Bedeutung und es wΓ€re laut Analysten eine grosse Überraschung, wenn die Versicherungsbroker die Ausnahme wΓ€ren und das GeschΓ€ft von der Digitalisierung nicht fundamental umgekrempelt wΓΌrde.
Als eine der letzten Bastionen mit ΓΌberdurchschnittlich hohen PrΓ€mien und lukrativen Margen gilt das KMU-GeschΓ€ft. Aber selbst dafΓΌr kommen erste digitale LΓΆsungen auf den Markt und einige Erstversicherungen sowie ihre digitalen Ableger haben das ebenfalls erkannt.

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Agieren statt reagieren

GemΓ€ss den Hifluence-Experten ist die Digitalisierung fΓΌr Broker per se kein letal bedrohliches Problem – wenn sie richtig reagieren. Dazu zΓ€hlt ein verbessertes VerstΓ€ndnis fΓΌr die KundenbedΓΌrfnisse, das Sammeln von Erfahrungen mit neuen Plattformen und Tools, die Abdeckung der Kundenkontakte ΓΌber alle KanΓ€le sowie eine aktive Kontaktpflege mit den Kunden – und nicht nur eine reaktive Haltung, wo man sich als Broker erst dann bewegt, wenn der Kunde das wΓΌnscht. Β«Ein SchlΓΌsselelement fΓΌr den zukΓΌnftigen Erfolg wird die Β«Costumer JourneyΒ» sein, anhand derer das Produkte- sowie das Servicedesign stark ausgerichtet sein wirdΒ», glaubt Paul Berchtold. Β«Unsere Rolle wird sich vermehrt ΓΌber die individuelle Beratung der Kunden sowie ΓΌber den professionellen Umgang mit deren Risiken definieren.Β» Dies kΓΆnne durch neue Produkte, aber auch durch aktuarielle Serviceportfolios geschehen. Β«Bei den grossen Onlineplayern sehen wir uns in der Rolle des ProblemlΓΆsers und Innovators fΓΌr VersicherungslΓΆsungen und bereits heute sind wir im Silicon Valley aktiv und bringen unser Know-how fΓΌr die Produkteentwicklung einΒ», betont Berchtold.
Β«Wir treiben die Digitalisierung voran und investieren seit Jahren erhebliche MittelΒ», sagt Urs Bleisch von der Funk-Gruppe. Β«Die Digitalisierung ist seit langer Zeit ein zentrales Element bei KesslerΒ», versichert auch Christian Kessler. Auch die jΓΌngste Welle der Digitalisierung nehme man sehr ernst. Β«Das Thema wird in der GeschΓ€ftsleitung aktiv diskutiert und wir setzten uns intensiv mit den Chancen und Risiken auseinander, die sich daraus fΓΌr uns ergeben.Β»
Β«Bevor wir uns der Digitalisierung zuwenden kΓΆnnen, muss ein mΓΆglichst hoher Automatisierungsgrad erreicht werdenΒ», meint Aon-Vertreter Berchtold. Β«Wir sind ΓΌberzeugt, dass ein hoher Automatisierungsgrad – kombiniert mit neuen Technologien wie beispielsweise Β«AI-SolutionsΒ» oder Β«deep learningΒ» – interessante und lukrative zukΓΌnftige GeschΓ€ftsfelder ermΓΆglichen wird.Β» Die aktuellen B2B-AustauschmΓΆglichkeiten in der Schweiz seien noch sehr beschrΓ€nkt und bei den derzeit bestehenden LΓΆsungen kΓΆnne man bei weitem noch nicht von digitalisierten LΓΆsungen sprechen. Β«Eine der HΓΌrden, die es zu meistern gilt, ist die Entwicklung eines einheitlichen Versicherungs-Standards, wie die jeweiligen Daten zu liefern sindΒ», so Berchtold weiter. Β«Derzeit sind die Transaktionskosten zwischen dem Versicherer und dem Broker zu hoch, da weiterhin zu viele Redundanzen bestehen und kein digitaler Datenaustausch vorhanden ist.Β»

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Konkurrenten und Innovatoren

Die Konkurrenten von morgen kommen nicht mehr nur zwingend aus der eigenen Branche. Amazon stellt Versicherungsfachleute ein und Fluggesellschaften wie Qantas aus Australien oder Air Asia aus Malaysia verkaufen (auch) Versicherungsprodukte weit ΓΌber die angestammten und traditionellen Annulations- und Reiseversicherungsprodukte hinaus. Β«Im B2C- und im GeschΓ€ft mit kleineren Unternehmen werden technologiegetriebene Neueinsteiger bestimmt eine bedeutende Rolle spielenΒ», sagt Funk-Manager Urs Bleisch. Β«Diese kΓΆnnten damit zu direkten Konkurrenten der Versicherer und einiger Broker werden. Bei komplexeren, grΓΆsseren und immer mehr international tΓ€tigen Unternehmen werden auch in Zukunft spezialisierte Dienstleister die zentrale Rolle spielen.Β» Β«Neben dem Kunden werden auch technologie- bzw. datenbasierte Firmen einen wichtigen Bestandteil des Systems bildenΒ», weiss auch Christian Kessler vom gleichnamigen Brokerhaus.
Eine wichtige Rolle bei den Innovationen spielen die auf die Versicherungen spezialisierten FinTechs, die InsurTechs. Je nach Perspektive werden sie als Konkurrenten wahrgenommen – oder als ErgΓ€nzung zum bisherigen GeschΓ€ft. Β«Hier bedarf es einer differenzierteren BetrachtungsweiseΒ», sagt Aon-Vertreter Paul Berchtold. Β«So sind wir im StandardgeschΓ€ft eher Konkurrenten, wohingegen beim beratungsintensiven IndustriegeschΓ€ft eine Partnerschaft angezeigt ist, um das Business effizient und kostenoptimiert zu betreiben.Β» Bei diesen Partnerschaften konzentriert man sich bei Aon vor allem auf sich ergΓ€nzende Technologien, welche man fΓΌr das eigene GeschΓ€ft als unabdingbar ansieht. Β«Wir beobachten den Markt sehr genau und stellen fest, dass FinTech-Unternehmen vielversprechende Ideen verfolgen und daraus zukunftsorientierte Technologien entwickeln. Daraus kΓΆnnte sich in Zukunft durchaus eine Konkurrenzsituation entwickeln, wie man das ansatzweise bei den digitalen MarktplΓ€tzen und den Vergleichsportalen sieht.Β»
Β«Die InsurTech-Branche in der Schweiz fokussiert sich heute noch primΓ€r auf den Vertrieb von VersicherungsproduktenΒ», konstatiert Kessler. Β«Wir fΓΌhren einen Diskurs mit verschiedenen Vertretern aus dieser Branche und analysieren gezielt, wie und wo wir gemeinsam Synergien fΓΌr unsere Kunden bringen kΓΆnnen.Β» Ein grosses Potenzial sieht Kessler bei den weiteren WertschΓΆpfungsschritten in der Assekuranz, wie beispielsweise dem Schadenprozess. Β«In bestimmten Segmenten sehen wir FinTechs als Partner anΒ», sagt auch Urs Bleisch und hΓ€lt fest, dass man bei Funk immer offen ist, wenn es darum geht, fΓΌr die Kunden Convenience zu bieten.

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Automatisierung und Effizienzsteigerung

Und so digitalisieren sich die grossen Schweizer Versicherungsbroker weiter. Β«Wir stellen uns auf eine weitreichende Einbindung einΒ», erklΓ€rt Bleisch. Um im Dreieck Kunde-Versicherer-Broker optimal agieren zu kΓΆnnen, sind auch die Schnittstellen bei den Versicherern zu bauen. Β«Wir sind dabei, sΓ€mtliche Prozesse (intern und zum Kunden) wo mΓΆglich zu digitalisierenΒ», so Bleisch weiter. Β«Unser neues Kundenportal haben wir nach dem GΓΌtesiegel β€ΉePrivacyβ€Ί zertifiziert. Wir bauen es weiter mit Applikationen aus, die unseren Kunden echte Mehrwerte bieten.Β» DarΓΌber hinaus arbeitet man bei der Funk-Gruppe an einer Β«Digital BridgeΒ»: Β«Wir werden zukΓΌnftig das ganzheitliche Risikomanagement mit dem operativen Alltag verbinden und dem Kunden eine neue Dimension von Risikotransparenz bietenΒ», sagt Urs Bleisch zu den absehbaren Neuerungen bei der Funk-Gruppe.
Β«Wir arbeiten in der Schweiz vor allem an der Automatisierung und Digitalisierung der physischen, althergebrachten Versicherungsdokumentationen, um unser GeschΓ€ft qualitativ hochwertiger und kosteneffizienter zu betreibenΒ», erklΓ€rt Paul Berchtold. Β«Um diese Ziele zu erreichen, mΓΌssen wir in Zukunft den ganzen Datenfluss digital zur VerfΓΌgung stellen.Β» Bei Aon sei man darauf bedacht, stΓ€ndig zu optimieren und Effizienzsteigerungen zu erzielen. Β«Eines der Felder, welches wir beispielsweise genauer betrachten, ist die Blockchain-Technologie und wie diese fΓΌr das VersicherungsgeschΓ€ft nutzbar gemacht werden kannΒ», so Berchtold.
Das technologische Kernstück bei Kessler bildet das Management Information System (MIS). «Dieses haben wir in den 80er Jahren selber entwickelt und seither stark ausgebaut», so Christian Kessler. In den 90er Jahren investierte der Broker mit KesslerOnline in sein digitales Kundenportal. Kessler: «Heute kânnen unsere Kunden ihre VersicherungsvertrÀge weltweit auch via App abrufen.» Wichtige Digitalisierungsinitiativen in der jüngsten Vergangenheit waren bei Kessler die Einführung des digitalen Kundendossiers mit revisionssicherer Ablage und der digitalen Unterschrift vor zwei Jahren sowie die Einführung des digitalen Posteingangs im vergangenen Jahr. «Über unseren Network-Partner Marsh haben wir zudem Zugang zu Data Analytics und Blockchain-Lâsungen» ergÀnzt Kessler. «Und konkret prüfen wir derzeit, ob wir einen digitalen Versicherungsbroker für das KMU-Segment starten. Das ist ein Kundensegment, welches wir heute noch nicht aktiv bewirtschaften.» Mit der Digitalisierung werden also auch die bisherigen auskâmmlichen Marktnischen, in denen Versicherungsbroker komfortabel existieren konnten, unter Druck kommen.

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