Digitalisierung der Versicherungsbranche: Quo vadis?
Die Digitalisierung ist eine der wichtigsten Herausforderungen der Versicherungsbranche. Warum so viele Projekte scheitern und was sich Γ€ndern muss.
Roland Auer
Die Assekuranz verspricht sich von der Digitalisierung tiefere Kosten und optimierte Kundenerlebnisse. Aber viele Versicherer kommen mit der Digitalisierung ihres KerngeschΓ€fts offenbar nicht voran.vegefox.com - stock.adobe.com
BΓΆrsennotierte Startups wie Lemonade (Market Cap 3,5 Milliarden Dollar) oder Deutsche Familienversicherungen (330 Millionen Euro) treten gegenΓΌber Investoren als Insurtechs auf und werden entsprechend mit dem Vielfachen des PrΓ€mienvolumen bewertet β obwohl sie operativ mittelfristig kaum Gewinn ausweisen werden. Γhnliches gilt fΓΌr die nicht bΓΆrsennotierten Startups, die entweder unabhΓ€ngig sind, wie zum Beispiel Wefox und Neodigital, oder als Bestandteil von Konzernen gemanagt werden, wie IptiQ von der Swiss Re (intern angeblich mit 1 bis 1,5 Milliarden Franken bewertet) und Friday von der Baloise oder Nexible bei ERGO.
Aktuell entsteht mit dem bevorstehenden IPO von Ant Financial, einem Ableger von Alibaba, der fΓΌr Digital-Finance-LΓΆsungen berΓΌhmt ist, in den nΓ€chsten Monaten einer der grΓΆssten bΓΆrsennotierten Finanzkonzerne der Welt. Eine Marktkapitalisierung von 200 Milliarden Dollar scheint mΓΆglich.
Autor: Roland Auer (Pseudonym)
Der Autor verfΓΌgt ΓΌber jahrzehntelange Erfahrung bei der Digitalen Transformation von Versicherungsgesellschaften.
Nebst der Tatsache, dass sich alle vorgenannten als Technologie-Unternehmen begreifen, ist auch ihr Versprechen gleich: Mit der Digitalisierung werden gleichzeitig sowohl Verwaltungs- als auch Schadenkosten gesenkt und das digitale Kundenerlebnis optimiert.
Angesichts dieser Entwicklung ist es hΓΆchst verwunderlich, dass sich jΓΌngst auch Helvetia in die unrΓΌhmliche Reihe jener Versicherer einreiht, die mit der Digitalisierung des KerngeschΓ€fts offenbar nicht vorankommen.
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Nur wer weiss, woher er kommt, weiss, wohin er geht
ZunΓ€chst offenbart ein Blick in die Branche, dass es vielen Schweizer Versicherern mit unterschiedlichen ProjektansΓ€tzen Γ€hnlich erging: 2015 musste die Zurich ihre ambitionierten Europa-Ideen begraben und Wertberichtigungen im dreistelligen Millionenbereich verkraften. Manchen sind auch noch gescheiterte Grossprojekte bei Baloise, Nationale Suisse und anderen in lebhafter Erinnerung. Ein Blick ΓΌber die Grenzen bestΓ€tigt, dass es sich nicht um ein helvetisches PhΓ€nomen handelt: 2015 Projektstopp bei der Wiener StΓ€dtischen mit Abschreiber im dreistelligen Millionenbereich, MF-(Motorfahrzeug-)Projekte bei HDI und ERGO mit sehr wesentlichen VerzΓΆgerungen und KostenerhΓΆhungen etc. Allein die Liste der ΓΆffentlich bekannten FΓ€lle ist auch im Ausland sehr lang.
Viele denkbare Ursachen
MΓΆgliche Ursache kΓΆnnte die gewΓ€hlte Software-Plattform sein. Bei genauerer Betrachtung erscheint das aber wenig stichhaltig: sowohl die in den letzten Jahren sehr seltenen Eigenentwicklungen als auch die LΓΆsungen namhafter Hersteller sind von Projektab-/-unterbrΓΌchen und/oder wesentlichen KostenΓΌberschreitungen gleichermassen betroffen.
Da es immer wieder auch etablierte Versicherer gibt, denen die digitale Transformation des KerngeschΓ€fts gelingt, wie beispielsweise Helsana mit Adcubum, Baloise mit Guidewire oder HDI-D mit SAP, fΓΌhrt die Suche nach den Ursachen in die Interna. Hier zeichnet sich in der gesamten Branche ein Γ€hnliches Bild:
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Das Management der Versicherer setzt sich im Schwerpunkt aus 40- bis 55-JΓ€hrigen zusammen, denen eines gemeinsam ist: die Digitalisierung der Versicherungsbranche (und damit die EinfΓΌhrung der Systeme/Prozesse, die nun ersetzt werden mΓΌssen) hatte bereits stattgefunden, als sie FΓΌhrungsaufgaben ΓΌbernommen haben. Das Management, das die EinfΓΌhrungen der 80er, 90er und 00er Jahr verantwortet hat, ist meist schon pensioniert. Es fehlt allgemeine praktische Erfahrung, um die spezifische KomplexitΓ€t der einzelnen Sparten und Produkte einordnen zu kΓΆnnen. Dem kommt besondere Bedeutung zu, wenn man die Reihenfolge der Produkte im Projekt plant. FΓΌr Nicht-Leben ist MF fast nicht an KomplexitΓ€t zu ΓΌbertreffen und auch Unfallversicherungen sind auf der Schaden-/Leistungs-Seite hΓ€ufig Lebensversicherungen nicht unΓ€hnlich. Die Projekt-Planung sollte nach MΓΆglichkeit zunΓ€chst die Integration in die Umsysteme mit einfachen Produkten stabilisieren und dann erst zu komplexen Sparten kommen.
Die Migration der Vertrags-BestΓ€nde gelingt dann am besten, wenn sie bereits von Anfang an dediziert betrachtet wird. Dabei kommt es auf die richtige Mischung von alt und neu an. Β«Brauchen wir auch in ZukunftΒ» darf nicht missverstanden werden als Β«es muss so sein wie frΓΌherΒ». Klappt das nicht, hat es spΓ€testens bei der Datenmigration zum neuen System deutliche Auswirkungen, wenn man feststellt, dass die alten Produkte nicht zum neuen System passen. Das passiert leider hΓ€ufiger, als man denkt.
Digitale (Preis-)Transparenz, Niedrig-Zins und die seit den 90er Jahren gelockerte Regulierung haben den Wettbewerb verschΓ€rft. End-to-end-Prozess-Know-how wird im stabilen operativen GeschΓ€ft nur selten benΓΆtigt und ist daher ein teurer Luxus. Startet ein Projekt, ist das End-to-end-Know-how nur noch in wenigen FΓ€llen im Unternehmen vorhanden, extern schwierig zu beschaffen und muss daher im Projekt erarbeitet werden. Es empfiehlt sich, das im Projektvorgehen als besonderen Schwerpunkt zu setzen und mit ΓΌbergreifenden Workshops zu unterstΓΌtzen.
AgilitΓ€t ist das, was Startups allen vormachen. Damit ist AgilitΓ€t als Projekt-Methode gesetzt. Das kann dazu fΓΌhren, dass auch hoch komplexe integrierte Prozesse mit agilen Methoden angegangen werden. Die Agile-Methode sieht vor, dass man ein MVP (Minimum Viable Product) erstellt. Wichtig ist hier insbesondere das Wort Β«ViableΒ». Es kann im Deutschen viele unterschiedliche Bedeutungen haben, im agilen Kontext wird es am besten mit Β«brauchbarΒ» ΓΌbersetzt. Der etablierte Versicherer denkt an das TagesgeschΓ€ft mit hunderten von neuen VertrΓ€gen: Kaum ein Kunde ist bereit, ohne sofortige digitale Meldung an das Strassenverkehrsamt oder BerΓΌcksichtigung des Rabatts einen Vertrag abzuschliessen. Startups (z. B. Nexible/ERGO) planen mit viel kleineren Volumen und kΓΆnnen es sich leisten, erst im Laufe der Zeit LΓΆsungen dafΓΌr zu schaffen. FΓΌr Β«BrauchbarkeitΒ» im Sinne eines etablierten Versicherers sind (unabhΓ€ngig von der eingesetzten Software) oft tausende von Projekttagen fΓΌr komplexe Integrationen notwendig, die sich wegen der projektexternen AbhΓ€ngigkeiten nicht mit einer agilen Methode umsetzen lassen.
API, Microservices, devops und andere IT-SchlagwΓΆrter kΓΆnnen suggerieren, dass schon mit der Wahl der richtigen Tools/Methoden/Software/Berater Probleme gelΓΆst werden. Helfen kann das alles bestimmt. Wer sich mal aufmerksam die Details der Webseiten z. B von. Ebay oder Amazon ansieht, wird aber feststellen, dass der Teil mit der Business-Funktion doch noch sehr verdΓ€chtig nach 90er-Jahre-HTML aussieht. Die topmodernen IT-Tools/-Methoden/-Technologien beherrschen diese Unternehmen mit Sicherheit. Trotzdem ist es schwierig, eine komplexe Business-Applikation mal so eben umzustellen. Es sind die oft ungeliebten Monolithen, die fΓΌr Business-Applikationen pragmatische LΓΆsungen sind. Wer will schon fΓΌr jedes PrΓΌfen eines neuen Datenelements einen neuen Webservice schreiben? Im Markt sind auch hier die FΓ€lle zahlreich, in denen z. B. die dogmatische Auftrennung in Microservices zu einer kaum beherrschbaren KomplexitΓ€t gefΓΌhrt hat.
Der gewΓ€hlte Software-LΓΆsungsanbieter und/oder Integrationspartner ist oft derjenige, der im Verkaufsprozess selten oder nie Β«geht nichtΒ», Β«schwierigΒ», Β«teuerΒ», Β«kΓΆnnen wir nichtΒ», Β«wΓΌrden wir nicht vorschlagenΒ» oder Β«komplexΒ» mit seiner LΓΆsung in Verbindung gebracht hat. Wer was verkaufen will, sagt schliesslich nicht Β«NeinΒ». HΓ€ufig werden dann auch komplett unrealistische Erwartungen vertraglich scheinbar zementiert, indem man z. B. ProjektaufwΓ€nde und Ergebnisse festschreibt. In den seltensten FΓ€llen sind diese Regelungen tatsΓ€chlich belastbar. Die Schicksalsgemeinschaft mit den Lieferanten zwingt die Versicherung, immer mehr Ressourcen nachzuschiessen, was regelmΓ€ssig dazu fΓΌhrt, dass selbst Β«erfolgreicheΒ» Projekte ein Mehrfaches des ursprΓΌnglichen Budgets verschlingen. Der Kunde darf davon ausgehen, dass das dem Lieferanten bei Unterschrift bekannt ist.