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Vorsorge Guide

Wie eine ganzheitliche Finanzplanung zu gestalten ist

Die Sorge um die Vorsorge wΓ€chst, Angst vor einem Wohlstandsverlust ist verbreitet. Was tun?

Reto Spring

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Getty Images

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Wir wissen nicht, wie alt wir werden, mΓΆchten aber am liebsten nach dem Motto Β«Teenager bis zur RenteΒ» mΓΆglichst lange alle Optionen offenhalten: Wir gΓΆnnen uns schon heute den Lebensstandard, den wir uns erst mit dem Lohn von morgen leisten kΓΆnnen. Hatte Finanzplanung frΓΌher den Anspruch einer einfachen Standortbestimmung, welche das Budget entschlackt und Licht in den Finanzdschungel bringt, stehen heute bei der Β«Sandwich-GenerationΒ» (zwischen eigenen Kindern und Eltern) weitere Topics auf der Agenda: den eigenen Lebensentwurf zu maximieren, unbekannte Risiken aufzudecken, grΓΆsstmΓΆgliche Sicherheit zu minimalen Kosten zu erreichen und von weniger Steuern und mehr netto zu profitieren. In einem konzisen Plan mit zuverlΓ€ssiger Zielerreichung. Am besten sofort, einfach und dazu kostenlos.
Diesem Anspruch ist freilich nur schwer nachzukommen – selbst im Private Banking, wo sich die HΓ€lfte der Kundinnen und Kunden und zwei Drittel der Assets in der Generation Β«50 plusΒ» ansiedeln. Diese anspruchsvolle Kundschaft wΓΌnscht eine ganzheitliche, bedarfsorientierte Beratung mit individuellen LΓΆsungen. Herausforderungen bestehen beispielsweise in einer lebensphasenorientierten LiquiditΓ€tsplanung und dem Konzept einer flexiblen VermΓΆgensstrukturierung im dritten Lebensabschnitt, das den Spagat schafft zwischen Konsum, Rendite, Versorgung von Hinterbliebenen und Nachfolgeplanung. Das GeschΓ€ftsmodell Β«Kapital statt RenteΒ» mit der hauseigenen Anlageempfehlung hat sich fΓΌr Β«BeraterbankenΒ» gelohnt – ob es auch aus Sicht der Kundschaft die beste LΓΆsung ist, darf bezweifelt werden und lΓ€sst sich nur durch eine unabhΓ€ngige Betrachtung evaluieren

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Am Ende des Geldes noch Leben ΓΌbrig?

Β«LiquiditΓ€t ist wie Atemluft – man merkt, wenn sie fehlt.Β» Je nach Verbindlichkeiten und Verantwortung fΓΌr andere Personen reden wir hier von einem Cash-Polster von drei bis sechs MonatsgehΓ€ltern: Nichts entspannt so sehr wie ein volles Konto! Wer viel Cash hortet, wird allerdings herausgefordert durch Negativzinsen und AnlagevorschlΓ€ge eifriger Berater.
Noch sind ΓΌber 95 Prozent aller Finanzberaterinnen und -berater reine Produktvermittler, doch dieses GeschΓ€ftsmodell kommt zunehmend unter Druck. Zumal uns immer mehr Robo-Advisors und Finanzblogger weismachen, dass man ohne Banken und Versicherungen besser fΓ€hrt, wenn man seine Daten ein- und preisgibt und sich online Β«beratenΒ» lΓ€sst. In diesem Spannungsfeld gibt es keine einfachen LΓΆsungen und pauschalen Rezepte. Zwar gibt es fΓΌr eingegrenzte Fragestellungen und einfache Standardkonzepte digitale LΓΆsungen. Je komplexer und ganzheitlicher das Setup wird, desto eher ist Expertise gefragt.
Wer es sich leisten kann und Wert legt auf eine individuelle Finanzplanung, bucht eine unabhΓ€ngige Beratung, deren Nutzen in einem vernetzten, strukturierten und risikobasierten Konzept liegt und deren Handlungsempfehlungen nicht mit Interessenkonflikten behaftet sind. Eine Β«GratisberatungΒ» kann einen nΓ€mlich teuer zu stehen kommen, ist doch ein einmal gefΓ€llter Entscheid bei der Pensionsplanung in der Regel irreversibel. Eine Honorarberatung zu buchen oder eine unabhΓ€ngige Zweitmeinung einzuholen, ist daher gut investiertes Geld.

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Der Robo-Advisor stellt keine Bedrohung dar fΓΌr die Beratergilde; er wird zum komplementΓ€ren Aktionstool im Austausch mit den Kunden und Kundinnen. Algorithmen sind Menschen dann ΓΌberlegen, wenn es um repetitive, daten- und rechenintensive Arbeiten geht, die rasch, kostengΓΌnstig und ohne Emotionen ausgefΓΌhrt werden sollen. Menschen sind dagegen im Vorteil, wenn der Blick fΓΌrs grosse Ganze gefragt ist und dafΓΌr, was nach PrioritΓ€t, Zeithorizont, Kosten und Risiken realisiert werden kann und wie es unter Einbezug von Empathie, GefΓΌhlen und Erfahrung dem Kunden, der Kundin individuell kommuniziert werden soll. Gerade diese Soft Skills machen den Unterschied aus: Neben Fachwissen und AnalysefΓ€higkeit sind das EinfΓΌhlungsvermΓΆgen, kundengerechte Kommunikation und PrΓ€sentationstechnik. Und letztlich PersΓΆnlichkeit, Beharrlichkeit,
Dienstleistungsbereitschaft sowie die FΓ€higkeit des aufmerksamen ZuhΓΆrens. FΓΌr eine erfolgreiche Beratung braucht es also sowohl den Menschen als auch die Maschine.

Orientierung statt Moneypulierung

Das Leben gleicht heute einer neunzigjΓ€hrigen Reise – wobei wir die HΓ€lfte davon unproduktiv verbringen (fΓΌr Ausbildung und Rente). Mit circa 45 Jahren befinden wir uns gleichzeitig in der Mitte und am Tiefpunkt unseres Lebens: ausgelaugt von der Β«Rushhour of LifeΒ» (Weiterbildung, Partnerschaft, FamiliengrΓΌndung, Hausbau, SelbststΓ€ndigkeit) und oft herausgefordert von einem ΓΌberraschenden Bruch in der Finanzbiografie (Arbeitsplatzverlust, Burnout, Scheidung). Es gibt keinen passenderen Zeitpunkt fΓΌr eine Standortbestimmung und eine Reflexion ΓΌber PrioritΓ€ten und Ziele in der zweiten LebenshΓ€lfte. Eine Finanzplanerin kann Sparringpartnerin und Finanzcoach in einem sein: Sie hinterfragt kritisch, betreibt RisikoaufklΓ€rung und vermittelt in verstΓ€ndlicher Sprache das nΓΆtige Basiswissen, damit Kunden und Kundinnen Finanzentscheidungen treffen kΓΆnnen, die sinnvoll und vorteilhaft sind – fΓΌr sie selbst und nicht nur fΓΌr die Beraterin!

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Ganzheitliche Finanzplanung ist Lebensplanung. Das Leben lehrt uns, dass es keine Sicherheit, nur verschiedene Grade von Unsicherheit gibt. Konstant sind nur stetige VerΓ€nderungen – und diesem stetigen Wandel soll Finanzplanung Rechnung tragen: dynamisch, flexibel, in Szenarien, Varianten und Alternativen denkend, den langfristigen Wohlstandsaufbau anstrebend. Wie ein fester Leuchtturm gibt der Finanzplaner verlΓ€ssliche Orientierung, weist auf Gefahren hin und verleiht die notwendige Sicherheit, damit man sein Ziel erreicht. 

ErfΓΌllung statt 25 Jahre Siesta

Unser Sozialversicherungsmodell stammt gefΓΌhlt aus der letzten Eiszeit, das Vorsorgemodell aus dem Mittelalter. In der digitalen Arbeitswelt sehen wir uns aber mit Herausforderungen des 21. Jahrhunderts konfrontiert. Diese Diskrepanz, dass die gesellschaftliche RealitΓ€t und die tradierten Systeme (Ehe- und Erbrecht, Sozialversicherungs-, Steuersystem) mangels Reformen immer mehr auseinanderklaffen, ist fΓΌr die Finanzplanung eine grosse Herausforderung. Die Sorge um die Vorsorge wΓ€chst, Angst vor einem Wohlstandsverlust ist verbreitet, vor allem zwischen dem KarrierehΓΆhepunkt und der Pensionierung. Wir fΓΌhlen uns ja alle mindestens zehn Jahre jΓΌnger, als unser biologisches Alter ist. Schon heute arbeitet jede dritte Person ΓΌber das ordentliche Rentenalter hinaus – aus Spass und Leidenschaft, selten des Geldes wegen. Die Grenzen zwischen Berufszeit und Rentenalter verschwinden also zunehmend, Β«FlexibilisierungΒ» ist das neue Zauberwort zwischen sechzig und siebzig.

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Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts, Geld ist gleichsam Β«Lebens-MittelΒ» und damit unabdingbar. Oft wird die Frage, was einem Kunden oder einer Kundin Geld bedeutet, gar nicht gestellt, weil Beratende die Antwort zu wissen meinen: Freiheit, UnabhΓ€ngigkeit, Sicherheit. Statt nur vom Produkt her zu denken, sollte eine ganzheitliche 360-Grad-Finanzplanung als eigenstΓ€ndige Dienstleistung nΓ€her zum Menschen rΓΌcken und Geldkompetenz fΓΆrdern: Clever mit Geld umgehen, souverΓ€n ein VermΓΆgen aufbauen und selbstbestimmt finanzielle Freiheit erreichen. Geld entspannt, wenn man das Panorama eines erfΓΌllten Lebens geniessen will.
Reto Spring ist dipl. Finanzplanungs-experte, PrΓ€sident des Finanzplaner Verbands Schweiz sowie Partner der Academix Consult AG. Sein Buch Β«Orientierung statt MoneypulierungΒ» erscheint im Januar 2022

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