Versicherungs-Executives: Die neue Generation kommt
Am Swiss Economic Forum in Interlaken zeigt sich die Wachtablösung in den Chefetagen. Gefragt ist die Kapitaloptimierung – und nicht mehr die Vertriebsmaximierung.
«Es rückt eine neue Generation von Versicherungs-Executives nach, welche die einzelnen Gesellschaften viel stärker unter modernen Gesichtspunkten wie der optimierten Kapitalverwendung betrachten und dementsprechend steuern», konstatierte eine führende schweizerische Versicherungsexpertin und Verwaltungsrätin im Gespräch am Swiss Economic Forum (SEF). Nur wenige Meter weiter standen viele Branchenvertreter unter freiem Himmel beim Kaffee, bevor am Nachmittag der Regen in Interlaken (BE) einsetzte – und darunter waren sowohl Vertreter der «alten Garde» als auch der neuen Generation.
Scharfer Blick auf die Zahlen
Wobei die Zugehörigkeit zur «alten Garde» keine Frage des biologischen Alters ist – im Gegenteil: Es ist eher die Herkunft und Karriere, welche den spürbaren Unterschied macht. Beispielsweise eine Karriere mit vielen Schritten im Vertrieb, mit regionaler und später dann landesweiter Verantwortung. Vertreter dieser Schule haben es zunehmend schwer, mit ihren Kapitalgebern «so zu kommunizieren und dann die Gesellschaft so zu führen, wie diese es erwarten», ergänzte ein weiterer Branchenexperte beim warmen Buffet. Die «alte» Baloise war ein solches Beispiel – dort hatte man die Herausforderungen bei der Kommunikation mit der Kapitalseite «völlig falsch eingeschätzt». Oder Zurich in der Schweiz. «Da waren noch einige weitere Schwierigkeiten im Spiel, beispielsweise bei MF.» Auch die Konsolidierung in der Branche dürfte weitergehen. Immerhin liegt Helvetia Baloise auf gutem Kurs, wie ein hochrangiges Mitglied des Managements beim Fleisch-Buffet bestätigte. «Ab Juli wird der Vertrieb auf die neuen Strukturen umgestellt.» Fortschritte und Erfolg werden hier ganz genau analysiert. «Denn es ist der erste grosse Testfall in Europa, wie grosse Versicherungen unter dem angepassten IFRS-Regelwerk übernommen und integriert werden», erklärt ein weiterer Versicherungsmanager. Bei Fusionen und Übernahmen im Versicherungsbereich führt die Anwendung von IFRS 17 dazu, dass erworbene Versicherungsverträge so behandelt werden, als wären sie neu abgeschlossen worden. Das Kernmodell des Standards, der Bausteinansatz (Building Block Approach, BBA), bewertet die Verbindlichkeiten mithilfe von diskontierten Cashflows, einer Risikoanpassung und der vertraglichen Leistungsmarge (Contractual Service Margin, CSM), was die Bilanz des Erwerbers am Tag 1 und die künftige Gewinnrealisierung grundlegend verändert. «Und darauf schauen wir jetzt alle ganz genau», so der Manager, «wenn das nächste Mal die Zahlen präsentiert werden. Und wenn die Mobiliar und die Vaudoise nicht als Genossenschaften organisiert wären, wären diese attraktive Raider-Ziele», so die Expertin weiter. Sie erwartet weniger bei den P&C-Versicherungen weitere Konsolidierungen, sondern eher bei Rückversicherungen. Und bei den Krankenkassen. «Dort ist eine Konsolidierung überfällig – und der finanzielle und politische Druck steigen.»
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Testfall für ganz Europa
Ein Vertreter der «neuen Generation» ist Remo Cavegn, Finanzchef von Allianz Suisse. «Schauen Sie, wo wir vergangenes Jahr überall in der Schweiz gewachsen sind», sagt er beim Kaffee am Stand seines Arbeitgebers. Bei Sachversicherungen war man mit plus 4,4 Prozent im Markt, bei Leben mit plus 3,1 Prozent über dem Markt gewachsen. Bei den verwalteten Mitteln bei teilautonomer BVG kam man auf plus 205 Prozent – einer glatten Verdreifachung. Unter dem Strich blieb ein statutarischer Gewinn von 310 Millionen Franken, entsprechend mehr als sieben Prozent Zuwachs gegenüber dem Vorjahr. Sichtbar ist der Erfolg auch in den Eckzahlen: Return on Equity bei 21,7 Prozent, ein Combined Ratio um 90 Prozent. «Das schafft sonst nur noch die AXA», so Cavegn. Und die wichtige New Business Marge liegt bei 4,6 Prozent. Es sind indes nicht alle Abschlusszahlen aller Gesellschaften untereinander leicht vergleichbar. «Jede Gesellschaft wendet etwas andere Ansätze an», so Cavegn weiter. «Deshalb ist es besser, fünf bis zehn Jahreszeiträume anzuwenden.» Dann sehe man, bei wem sich die Zahlen stabil entwickeln – und bei wem sie stark schwanken. Die Stabilität von Allianz zeigt sich auch im eigenen Rating AA (von S&P). In Zusammenhang mit Kapitalaufnahmen sind diese enorm wichtig – je besser das Rating, desto günstiger wird die Aufnahme von Fremdmitteln, wenn man sie benötigt. Für die kommende Zeit erwartet Cavegn eine Zunahme der Schadeninflation aufgrund der makroökonomischen Lage von zwei Prozent. «Seit März sehen wir einen Anstieg der Nachfrage nach Elektrofahrzeugen», stellt der Finanzchef fest. Inzwischen ist der EV-Anteil bei 20 Prozent bei den bis zu vier Jahre alten Fahrzeugen in der Schweiz, bei Neuzulassungen schon ein Drittel. Um sich hier zu positionieren, muss man auch beim Vertrieb neue Wege begehen. Mitbewerber arbeiten teilweise direkt mit grossen Marken zusammen. «Wir arbeiten daher schon seit vielen Jahren mit grossen Marken und Importeuren zusammen», so Cavegn. Ganz ohne Vertriebsthemen geht es auch bei der neuen Generation nicht.