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Β«Billiger wird es mit Garantie nichtΒ»

Reto Dahinden, CEO der Swica, ΓΌber die Krankheiten des Schweizer Gesundheitssystems, warum die Einheitskasse keine gute Therapie ist und welche anderen Heilmethoden es gibt.

Sandra Willmeroth

Reto Dahinden, CEO Swica.
Reto Dahinden, CEO Swica.zVg

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Reto Dahinden ist seit 2012 CEO der SWICA Gesundheitsorganisation. Nach seinem Studium an der UniversitΓ€t St. Gallen, das er als Dr. oec. HSG abschloss, sammelte er erste Berufserfahrung bei der SwissRe. Anschliessend wechselte er zum Krankenversicherer CSS, wo er zwΓΆlf Jahren tΓ€tig war, davon die letzten neun Jahre als Leiter des Konzernbereichs Leistungen und Mitglied der GeschΓ€ftsleitung. Reto Dahinden ist Verwaltungsratsmitglied bei santΓ©suisse, tarifsuisse, der SASIS sowie bei Medbase. Er ist ausserdem Vorstandsmitglied des Schweizerischen Versicherungsverbands SVV, des Krankenversichererverbands prio.swiss und der Schweizerischen Gesellschaft fΓΌr Marketing GfM.

Ihr Unternehmen hat laut unserer Kundenumfrage die beste Schadenabwicklung. Hat SWICA andere Prozesse als die Konkurrenz?

Es freut mich enorm, dass wir im Bereich Leistungsabwicklung gut unterwegs sind. Gerade wenn es um die Schadenabwicklung geht, kann man sich im Bereich der obligatorischen Krankenversicherung nur schwer differenzieren. Schnell zurΓΌckzahlen, keine Fehler machen, korrekt und verstΓ€ndlich in der Abrechnung sein oder einfach professionelle Apps zu haben – das haben wir alles, aber das haben andere auch.
SWICA ist einer der fΓΌhrenden Schweizer Versicherer fΓΌr Kranken- und Unfallversicherungen mit Hauptsitz in Winterthur. Das Unternehmen betreut rund 1,6 Millionen Privatversicherte und 31'400 Unternehmenskunden.

Wo liegt denn dann der Unterschied?

Wir gehen im Schadenfall lΓΆsungsorientiert vor. Denn da geht es um Krankheitsbilder und Personen, die hinter diesen Krankheiten stehen. Wir versuchen, wenn immer mΓΆglich, zu verstehen, weshalb jemand erkrankt ist, wie er oder sie schnell wieder gesund wird und nachhaltig gesund bleibt. Und wenn wir eine Leistung nicht rΓΌckerstatten kΓΆnnen, weil sie nicht gedeckt ist, versuchen wir das gut zu erklΓ€ren.

Wie ist es da mit dem Datenschutz?

GrundsΓ€tzlich wissen wir in der Grundversicherung nicht, woran ein Patient oder eine Patientin erkrankt ist. Wenn der Patient dies wΓΌnscht, versuchen wir, ihn mit seiner Einwilligung im Gesundungsprozess zu unterstΓΌtzen. Hier haben wir den Vorteil, auf unsere hauseigene Online-Praxis santΓ©24 zΓ€hlen zu kΓΆnnen. ZusΓ€tzlich wird sich die gesetzliche Lage dieses Jahr Γ€ndern, sodass wir bei bestimmten Diagnosen auch von uns aus auf den Patienten zugehen kΓΆnnen. Im Rahmen des KostendΓ€mpfungspakets des Bundes wurden hier neue MΓΆglichkeiten geschaffen.

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Denken Sie, das KostendΓ€mpfungspaket des Bundes kann den kontinuierlichen Anstieg der Gesundheitskosten eindΓ€mmen?

Viele der Schritte gehen in die richtige Richtung. Aber wenn Sie mich als Privatperson fragen, ob das wirklich einen Unterschied machen wird, dann muss ich klar sagen: Β«NeinΒ». Denn wir haben nun mal die demografische Entwicklung, den technischen Fortschritt und die medizinische Forschung – aber vor allem haben wir ein intrinsisches BeharrungsvermΓΆgen, wenn es um den Abbau von Querfinanzierungen geht.

Ein Grund fΓΌr die steigenden Kosten ist der ΓΌberdurchschnittlich hohe Medikamentenkonsum in der Schweiz. Kann man da einen Hebel ansetzen?

Die Gesamtkosten sind ja das Produkt aus Menge mal Preis. Bei der Menge sehe ich wenig Potenzial fΓΌr einen RΓΌckgang. Aber man kann sicher versuchen, die Medikamentenpreise zu senken. Was aber vor allem bei neuen Medikamenten schwierig ist, die zunΓ€chst einmal einen enorm hohen Preis haben und erst langfristig Kosten einsparen – wie beispielsweise die Abnehmspritze. Dieses Mittel soll die mit Übergewicht verbundenen Folgeerkrankungen mindern. Nur: Ob das Mittel langfristig den erhofften Erfolg bringt und Kosten einspart, lΓ€sst sich frΓΌhestens in ein paar Jahren berechnen. In der Zwischenzeit wird es einfach teurer.

Drei Viertel der BevΓΆlkerung nahmen 2024 mindestens ein Medikament auf Kosten der Grundversicherung. Besonders starkes Wachstum gibt es bei Medikamenten gegen Depressionen und ADHS. Wir sprechen hier ΓΌber Zunahmen von 20 bis 40 Prozent.  Ist die Schweiz psychisch krank?

Die BevΓΆlkerung ist wahrscheinlich nicht krΓ€nker als frΓΌher, aber wir diagnostizieren heute anders und behandeln die Betroffenen. Insbesondere im beruflichen Umfeld nehmen psychische Diagnosen enorm zu. Viele Menschen sind weniger resilient und schneller bereit, das Stigma der psychischen Erkrankung anzunehmen. FrΓΌher hat man das unter den Tisch gekehrt, heute gehΓΆrt es schon fast zum guten Ton.

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Man kann sich aber auch recht einfach ein psychisches Krankheitsbild zusammengoogeln und damit ein Burnout oder eine Depression vortΓ€uschen…

Das ist ein ganz heikles Thema. Wir sind natΓΌrlich auch damit konfrontiert, dass, gerade im Zusammenhang mit organisatorischen Anpassungen in Unternehmen und anderen Stresssituationen, die Anzahl der psychischen  Erkrankungen tatsΓ€chlich steigt.  Sowohl in diesen, aber auch bei BagatellfΓ€llen merken wir jedoch, dass es wichtig wΓ€re, wenn Krankschreibungen differenzierter erfolgen wΓΌrden – mit Blick auf MΓΆglichkeiten wie Homeoffice, die wir heute haben. Hier betreiben wir viel AufklΓ€rungsarbeit bei den Γ„rzten.

Ein weiterer gewichtiger Grund für die steigenden Kosten ist die demografische Entwicklung. Haben Sie Ideen, wie die zunehmende Überalterung der Bevâlkerung, einhergehend mit einem steigenden Pflegebedarf, finanziert werden kânnte?

Aufhalten kΓΆnnen wir die Entwicklung nicht, die Kosten werden entstehen. Wir sind uns alle einig, dass im Bereich der Pflege ein grosser Nachholbedarf besteht, was die LΓΆhne, die Ausbildung und die JobattraktivitΓ€t angeht. Aber wenn wir kompetente Pflege haben wollen, dann kostet das auch. Wenn man verhindern will, dass es fΓΌr den Einzelnen teurer wird, kann man versuchen, die FinanzierungsstrΓΆme zu Γ€ndern, oder den Pflegeprozess effizienter zu machen, die Anzahl Vorhalteleistungen zu reduzieren, die GehΓ€lter der Leistungserbringer anders zu gestalten etc. Es wird sich vieles Γ€ndern mΓΌssen, aber ingesamt billiger wird es mit Garantie nicht.

Es kann nicht billiger werden, wenn in den nΓ€chsten 20 Jahren immer mehr Menschen pflegebedΓΌrftig werden. Aber wie kann das Problem gelΓΆst werden?

Gar nicht. Die Kosten werden steigen. Im Moment diskutieren wir ausschliesslich darΓΌber, aus welchem Topf wir welche Leistungen erbringen und schichten die Mittel nur vom einen GefΓ€ss ins andere um. Was wir tun kΓΆnnen, ist, das System neu zu denken und uns nicht hinter der Illusion zu verstecken, dass eine Einheitskasse das Problem lΓΆsen wΓΌrde.

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Die Einheitskasse kommt immer wieder als Vorschlag auf den Tisch, vor allem unter dem Aspekt der KosteneindΓ€mmung…

Unsere Verwaltungskosten sind mit vier bis fΓΌnf Prozent in der Grundversicherung rekordverdΓ€chtig niedrig. Die bekommt man auch mit einer Einheitskasse nicht noch weiter runter.

Es gibt SchΓ€tzungen, die sagen, die Verwaltungskosten wΓΌrden bei einer Einheitskasse ein bis zwei Prozentpunkte tiefer sein?

Wenn man sich auf die reine Rechnungskontrolle beschrÀnken würde, wÀre das als Einmaleffekt denkbar. Aber sehr viele patientenbezogene Dienstleistungen wÀren dann nicht mehr mâglich. Ein Vergleich mit der Privatassekuranz oder der Suva zeigt, dass die Verwaltungskosten in diesen Organisationen um ein Vielfaches hâher liegen als bei den Krankenversicherern. Zudem würde der Übergang vom heutigen zum Einheitskassensystem über etliche Jahre deutliche Mehrkosten verursachen.

Was befΓΌrchten Sie konkret?

Wir sprechen da von einer sieben bis zehn Jahre andauernden Übergangsfrist. ErklÀren Sie heute einem motivierten Leistungsmitarbeiter bei SWICA im Alter von 50, dass er mit 57 Jahren vermutlich überflüssig und arbeitslos in Rente gehen wird. Der sieht sich noch am gleichen Tag nach einem neuen Job um. Doch genau diese qualifizierten Leute wollen wir ja behalten. Zudem: Wer macht in einer Einheitskasse die ganze Care-Management-Arbeit? Und wer sorgt für eine medizinische Versorgung und ist 24/7 erreichbar?

In anderen NachbarlΓ€ndern fΓ€hrt man dann zur Notaufnahme des nΓ€chsten Krankenhauses und nimmt am besten einen Picknickkorb mit, weil man hΓΆchstwahrscheinlich den ganzen Tag dort verbringen wird …

Daran lΓ€sst sich ablesen, wer einen Teil der Kosten trΓ€gt, die durch die Einheitskasse allenfalls gespart werden: die Erkrankten, die lΓ€nger und aufwendiger auf notwendige Behandlungen warten mΓΌssen.

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Wenn Sie freie Gestaltungsmacht hΓ€tten, wie wΓΌrden Sie das Gesundheitssystem der Schweiz entwerfen?

Wenn ich das kΓΆnnte, hΓ€tte ich es schon lΓ€ngst getan. Es ist wirklich nicht so einfach. Unser System ist aber trotz allem sensationell gut im Vergleich zu allem, was ich bisher weltweit gesehen habe.

Das stimmt. Aber es ist auch sensationell teuer…

Es ist relativ teuer. Wir sind nicht die teuersten der Welt. Aber was bei uns tatsΓ€chlich diskutiert werden sollte, ist die klare Rollen- und Verantwortungszuteilung. Es gibt zu viele Stellen, die zum selben Thema unterschiedliche Entscheide fΓ€llen, insbesondere die Kantone. Bei allen Systemen mit einer nationalen Steuerung gibt es gewisse EffizienzmΓΆglichkeiten. Das Gesundheitswesen ist aber kantonal geregelt. Wenn es uns also nur schon gelingen wΓΌrde, uns auf grΓΆssere Versorgungsregionen zu einigen, wΓ€ren wir schon sehr viel weiter.

Das hiesse beispielsweise, die Deutschschweiz, die franzΓΆsische Schweiz und das Tessin zusammenzufassen?

Ob es dann drei, sechs oder acht Regionen sind, sei dahingestellt. Aber es wΓΌrde bedeuten, dass die Kantone von ihrer Mehrfachrolle abrΓΌcken. Heute sind sie hΓ€ufig EigentΓΌmer der SpitΓ€ler, sie sind Tarifschlichtungsorgan, sie sind FestsetzungsbehΓΆrde, sie sind was auch immer. Nur widersprechen sich die Intentionen dieser verschiedenen Rollen massiv. Wenn wir hier einen Schritt weiterkommen wΓΌrden, wΓ€re das sehr viel effizienter, als weiter ΓΌber eine Einheitskasse zu diskutieren.

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