Zu diesem Ergebnis kommt die neueste VerΓΆffentlichung der Studienserie Β«Global Burden of DiseaseΒ» mit Blick auf das Jahr 2021.
Der Analyse zufolge haben SchlaganfΓ€lle, HirnschΓ€digungen bei Neugeborenen, MigrΓ€ne, Demenzerkrankungen und NervenschΓ€den durch Diabetes am stΓ€rksten zur globalen Last durch neurologische Erkrankungen beigetragen. Die Studie mit Jaimie Steinmetz von der University of Washington in Seattle als Hauptautorin ist im Fachjournal Β«The Lancet NeurologyΒ» erschienen.
Insgesamt seien die Fallzahlen fΓΌr Erkrankungen des Nervensystems seit 1990 weltweit um 59 Prozent gestiegen, wird Steinmetz in einer Mitteilung des Fachjournals zitiert. Die internationale Autorengruppe wertete wissenschaftliche Studien aus, die zwischen Januar 1980 und Oktober 2023 zu diesem Thema erschienen sind. FΓΌr den Zeitraum 1990 bis 2021 wurden zudem Entwicklungstendenzen bei einzelnen Krankheiten analysiert.
Verlorene, gesunde Lebensjahre
Eine Kernmethode der Studien zum Β«Global Burden of DiseaseΒ» ist das Daly-Konzept. Daly steht fΓΌr Β«disability-adjusted life years", zu Deutsch etwa: Β«verlorene gesunde LebensjahreΒ». Dabei werden die Jahre, die ein Mensch durch eine Krankheit behindert oder eingeschrΓ€nkt ist, sowie krankheitsbedingte Tode einem fiktiven gesunden Leben bis zum Alter der Lebenserwartung gegenΓΌbergestellt. Wie die aktuelle Arbeit beschreibt, ist die Anzahl der Dalys durch 37 berΓΌcksichtigte neurologische Krankheiten von 375 Millionen im Jahr 1990 auf 443 Millionen Jahre 2021 gestiegen.
Allerdings ist die WeltbevΓΆlkerung in dieser Zeit gewachsen und durchschnittlich Γ€lter geworden. Wenn dies statistisch berΓΌcksichtigt wird, sind die durch neurologische Erkrankungen verursachten Dalys seit 1990 um 27 Prozent und die TodesfΓ€lle um 34 Prozent zurΓΌckgegangen - eine Entwicklung, die sich mit Blick auf einzelne Krankheiten sehr unterschiedlich darstellt. So sind mit der globalen Ausbreitung von Diabetes die mit der Krankheit verbundenen NervenschΓ€digungen im Untersuchungszeitraum um 92 Prozent gestiegen. Auch neurologische Erkrankungen durch Sepsis bei Neugeborenen (+ 70 Prozent) und Malaria (+ 54 Prozent) sind deutlich hΓ€ufiger geworden. Andererseits sind die Dalys durch SchlaganfΓ€lle (- 39 Prozent), Meningitis oder HirnhautentzΓΌndung (- 62 Prozent), Tollwut (- 70 Prozent) und Tetanus (- 93 Prozent) erheblich zurΓΌckgegangen.
Ungleiche Verteilung in der Welt
Ein weiterer Befund der Arbeit: Die neurologischen Krankheitslasten sind in der Welt sehr ungleich verteilt. Am geringsten sind sie in einkommensstarken LΓ€ndern im Asien-Pazifik-Raum, etwa Japan und SΓΌdkorea, sowie Australien und Neuseeland, am grΓΆssten in West- und Zentralafrika. Der weltweite Durchschnitt liegt bei 5637,6 Dalys und 139 TodesfΓ€llen pro Jahr und 100'000 Menschen.
Β«Der Gesundheitsverlust durch Krankheiten des Nervensystems betrifft viele der Γ€rmsten LΓ€nder ΓΌberproportional, was teilweise auf die hΓΆhere Verbreitung von Erkrankungen bei Neugeborenen und Kindern unter fΓΌnf Jahren zurΓΌckzufΓΌhren istΒ», sagt Tarun Dua von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), eine weitere Autorin der Studie. Denn viele der erstmals betrachteten Krankheiten betreffen vor allem Kinder, deren FΓ€lle etwa 18 Prozent der neurologischen Erkrankungen weltweit ausmachen. Die gravierendsten Erkrankungen waren dabei HirnschΓ€digungen bei Neugeborenen, Meningitis und SchΓ€digungen des Neuralrohrs.
Geschlechtsspezifische Unterschiede
Auch zwischen den Geschlechtern sind die HΓ€ufigkeiten der neurologischen Erkrankungen ungleich verteilt. WΓ€hrend von Covid-19, Multipler Sklerose und MigrΓ€ne erheblich mehr Frauen als MΓ€nner betroffen sind, ist es bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/HyperaktivitΓ€tsstΓΆrung, bei traumatischen HirnschΓ€digungen und bei der Autismus-Spektrum-StΓΆrung genau umgekehrt.
In der Studie wird auch auf mehrere beeinflussbare Risikofaktoren fΓΌr potenziell vermeidbare neurologische Erkrankungen eingegangen. Durch Beseitigung der wichtigsten Risikofaktoren - vor allem hoher Blutdruck und Luftverschmutzung - kΓΆnnten so etwa bei SchlaganfΓ€llen bis zu 84 Prozent der Dalys vermieden werden.
Β«Neurologische Erkrankungen verursachen grosses Leid fΓΌr die betroffenen Menschen und Familien und berauben Gemeinschaften und Volkswirtschaften ihres HumankapitalsΒ», kommentierte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus die Ergebnisse in einer Mitteilung. Β«Diese Studie sollte ein dringender Aufruf zum Handeln sein, um gezielte Interventionen zu verstΓ€rken, damit die wachsende Zahl von Menschen mit neurologischen Erkrankungen Zugang zu der qualitativ hochwertigen Pflege, Behandlung und Rehabilitation erhΓ€lt, die sie benΓΆtigt.Β» (sda/hzi/hoh)