Mit einem Eigenversicherer lassen sich neuere Bedrohungen abdecken, wie etwa Cyberattacken oder Pandemien.
Kurt Speck
Mit Captives werden oft Versicherungsrisiken abgedeckt, die im Assekuranzmarkt nur teuer oder gar nicht erhΓ€ltlich sind. Zum Beispiel: AtomunfΓ€lle, Cyberattacken oder weltumspannende Pandemien.Keystone
Grosse Unternehmen haben schon frΓΌh eigene Versicherungsfirmen gegrΓΌndet, sogenannte Captives, um die Risiken aus der eigenen Konzernfamilie abzudecken. Seit rund hundert Jahren ΓΌbernehmen diese Eigenversicherer vor allem selten auftretende SchΓ€den mit einer hohen finanziellen Belastung. Nach und nach sind umfassende Versicherungsdeckungen in fast allen GeschΓ€ftssegmenten dazugekommen.
Im aktuellen Umfeld sehen Experten und Expertinnen vor allem grosse Wachstumschancen fΓΌr Captives bei den kaum versicherbaren Risiken wie etwa Cyberattacken, AtomunfΓ€llen oder weltumspannenden Pandemien. FΓΌr solche Klumpenrisiken gibt es meist keine Standarddeckungen. In diesem harten Markt, gekennzeichnet von einem Unterangebot an Versicherungsschutz, schnellen die PrΓ€mien rasch nach oben. Captives schirmen die Unternehmen entsprechend vor grossen Preisschwankungen des Versicherungsmarktes ab.
Komplexe Regulierung
In der Schweiz zΓ€hlt man heute rund vierzig Captives mit in- und auslΓ€ndischen Muttergesellschaften. Dazu gehΓΆren etwa ABB, Adecco oder Syngenta. Die Swiss Insurance and Reinsurance Captives Association (Sirca) vertritt die Interessen des Wirtschaftszweigs gegenΓΌber der AufsichtsbehΓΆrde Finma. Das ohnehin komplexe regulatorische Umfeld hat sich mit diesem Lobbying in den letzten Jahren verbessert. Eine neue Kundenkategorisierung sorgt jetzt fΓΌr weniger strenge Aufsichtsanforderungen, wenn das GeschΓ€ft nur mit professionellen Kunden betrieben wird. Schwergewichtig sind die weltweit ΓΌber 5000 Captive-Gesellschaften im angloamerikanischen Raum angesiedelt. In den USA nutzen neun von zehn Β«Fortune 500Β»-Unternehmen einen Eigenversicherer zur Risikofinanzierung. Dabei spielen steuerliche Aspekte bei der Standortwahl eine wesentliche Rolle. Nebst den traditionell gesuchten Bermudainseln haben die Kaimaninseln, Guernsey, Luxemburg und Irland stark an Bedeutung gewonnen.
Partner-Inhalte
Werbung
In der Schweiz zΓ€hlt man rund 40 Captives, weltweit sind es ΓΌber 5000.
Die grossen Weltkonzerne betreiben meist ein sogenanntes Single-Parent Captive. Damit finanzieren sie entweder ausschliesslich die eigenen Risiken oder ΓΌbernehmen auch Drittrisiken, um mit dieser Diversifikation die SchΓ€tzrisiken zu minimieren. Der Eigenversicherer ermΓΆglicht es, die international unterschiedlichen Steuergesetze und Regulierungen bei der Lenkung von FinanzstrΓΆmen optimal zu nutzen. Zudem kΓΆnnen via Captives die Risiken gezielter auf RΓΌckversicherer ΓΌberwΓ€lzt werden. Damit die Eigenversicherung effizient funktioniert, braucht es ein proaktives Risikomanagement im Unternehmen. Ziel ist, fΓΌr die eingebrachten Risiken einen mΓΆglichst gΓΌnstigen Schadenverlauf zu erreichen. Ein Captive bietet dem Konzern auch Vorteile als Kompetenzzentrum fΓΌr ein erfolgreiches Schadenmanagement. Weil der Eigenversicherer meist als externes Profitcenter gefΓΌhrt wird, bemΓΌht sich die Firmenleitung um eine gΓΌnstige Schadenabwicklung und um PrΓ€ventionsmassnahmen fΓΌr wichtige Risiken.
Wichtiges Risikomanagement
Auch den kleinen und mittleren Unternehmen steht das Universum der Eigenversicherer zur VerfΓΌgung. FΓΌr ein eigenstΓ€ndiges Captive ist der Aufwand, nicht zuletzt in Sachen Regulierung, jedoch Γ€usserst gross. Fachleute sehen deshalb die MindestgrΓΆsse bei einem niedrigen dreistelligen Millionen-Franken-Umsatz. Solche Volumen sind ebenfalls bei Association Captives oder Industry Captives mΓΆglich, die etwa Risiken von Firmen des gleichen Wirtschaftszweiges abdecken. Verbreitet sind zudem Rent-a-Captives und Protected Cell Captives, bei denen Unternehmen eine Eigenversicherung mieten. Das ist vor allem eine attraktive LΓΆsung fΓΌr KMU, weil kaum Kapital zur VerfΓΌgung gestellt werden muss und die hohen GrΓΌndungskosten fΓΌr ein Single-Parent Captive entfallen. Noch unverbindlicher ist fΓΌr eine Kleinfirma das Captive Account. In diesem Fall wird lediglich ein separates Konto zum Beispiel fΓΌr PrΓ€mien und Schadenanteile gefΓΌhrt.
Werbung
Die MindestgrΓΆsse liegt bei einem niedrigen dreistelligen Millionen-Franken-Umsatz.
Der Erfolg einer Eigenversicherung steht in enger Verbindung mit der laufenden Analyse sΓ€mtlicher Risiken. Meist geht in diesen Firmen das erhΓΆhte Sicherheitsinteresse auch mit adΓ€quaten Massnahmen zur SchadenverhΓΌtung einher. Mit Captives werden oft Versicherungsrisiken abgedeckt, die im Assekuranzmarkt nur teuer oder gar nicht erhΓ€ltlich sind. Wenn kleine und mittlere Firmen eine Eigenversicherung abschliessen, kΓΆnnen sie sich auf IntermediΓ€re mit vertieften Marktkenntnissen stΓΌtzen, die ihre Dienste beim Underwriting, bei Vertragserneuerungen, Fusionen und Liquidierungen anbieten. In der Praxis handelt es sich dabei vorwiegend um Schadenversicherungen, Haftpflichtversicherungen fΓΌr die Mitarbeitenden und das AutogeschΓ€ft sowie fΓΌr Berufshaftpflichtversicherungen. JΓΌngst sind vermehrt auch Organhaftpflichtversicherungen (D&O) dazugekommen, weil die Klagebereitschaft ganz allgemein zugenommen hat.
Geldanlage im eigenen Haus
Captives bieten dem Management andere Voraussetzungen fΓΌr die Geldanlage als den traditionellen Versicherungsgesellschaften, die ihr Kapital meist in Obligationen mit einer langen Laufzeit halten und nur in kleinem Umfang auf Aktien, Hedgefonds oder Private Equity setzen. Studien zeigen, dass die Eigenversicherer ihre finanziellen Mittel zur HΓ€lfte im Mutterhaus investieren. Dies geschieht mit ungesicherten Krediten, verbrieften Darlehen, Schuldverschreibungen und vereinzelt in Form von Fahrzeugflotten oder Lagern. Je nach Weltregion werden auch hohe Anteile in Bargeld gehalten. Daneben werden bis zu einem Drittel der Assets in Aktien angelegt.
Werbung
Wichtig ist den AufsichtsbehΓΆrden eine breite Diversifikation. Die Regulatoren achten zudem speziell bei den kleinen Captives darauf, dass sie nicht fΓΌr andere Zwecke missbraucht werden, wie etwa als RΓΌckhaltegefΓ€ss fΓΌr Topmanager oder als Steuersparvehikel.
Dieser Beitrag ist erstmalig erschienen am 21. April 2022 im HZ Special Unternehmensversicherungen unter dem Titel "Captives fΓΌr schwierige Risiken".