Zu diesem Ergebnis kommt der von Complementa jΓ€hrlich durchgefΓΌhrte Risiko Check-up. Demnach wurde das Vorsorgekapital der Arbeitnehmenden 2020 mit durchschnittlich 1.8% verzinst. Ein neuerlicher Tiefstwert wird hingegen beim Umwandlungssatz gemessen. Der durchschnittlich angewendete Satz liegt mit 5.50% nochmals um fast ein Zehntel Prozentpunkt tiefer als im Vorjahr. FΓΌr die kommenden Jahre planen die Pensionskassen wegen des tiefen Zinsniveaus sowie der steigenden Lebenserwartung weitere Senkungen des Umwandlungssatzes. Das diesjΓ€hrige Sonderthema Β«Das Schweizer Altersvorsorge System β ein Blick ΓΌber die GrenzeΒ» zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu ausgewΓ€hlten europΓ€ischen Vorsorgesystemen auf. Dabei orten die hiesigen Pensionskassenverantwortlichen vor allem in zwei Bereichen Γnderungsbedarf fΓΌr die Schweiz, nΓ€mlich bei der engeren Koppelung zwischen Lebenserwartung und dem Einstieg ins Rentenalter sowie bei der Vereinheitlichung des Rentenalters fΓΌr Frauen und MΓ€nner.
Diversifizierter Anlagemix
Bedingt durch das tiefe Zinsniveau wurden in den letzten zehn Jahren ObligationenbestΓ€nde stark abgebaut. WΓ€hrend 2010 noch rund 48% in festverzinslichen Anlagen oder als LiquiditΓ€t gehalten wurde, waren es Ende 2020 mit 38.7% deutlich weniger. Die freiwerdenden Anteile verteilten sich auf Aktien, auslΓ€ndische Immobilien und Alternative Anlagen wie Private Equity, Infrastrukturanlagen und Private Debt. Infrastrukturinvestments werden in Zukunft an AttraktivitΓ€t gewinnen, da sie seit dem 01.10.2020, gemΓ€ss gesetzlicher Klassifizierung (BVV2 Artikel 53 und 55), nicht mehr als Β«Alternative AnlageΒ» eingestuft werden. Dadurch ist es Vorsorgeeinrichtungen erlaubt, bis zu 10% des GesamtvermΓΆgens in Infrastrukturanlagen anzulegen. Die Immobilienquote liegt bereits das dritte Jahr in Folge ΓΌber 20% (aktuell 20.6%) und Alternative Anlagen schwanken in den letzten Jahren zwischen 9% und 10% (aktuell 9.4%). Die Aktienquote lag per Ende 2020 mit 31.2% nahe dem historischen Mittel. Die Corona-bedingten Markteinbussen liessen im FrΓΌhling 2020 den durchschnittlichen Deckungsgrad an die Grenze zur Unterdeckung abgleiten. Umso positiver ist das Ergebnis einzuordnen, dass heimische Pensionskassen per Ende 2020 durchschnittlich 4.5% Rendite verbuchen durften. Dies entspricht der jΓ€hrlichen Rendite (4.5% annualisiert) fΓΌr die vergangene Dekade.
Hohes FremdwΓ€hrungsrisiko
Jeden zweiten Franken investiert die 2. SΓ€ule im Ausland, wobei sie die WΓ€hrungsrisiken zu einem grossen Teil absichert. Das verbleibende FremdwΓ€hrungsrisiko betrΓ€gt aktuell 18.4%. Die Gesamtrendite von 7.1% der ersten acht Monate des neuen Jahres kΓΆnnen als erfreulich bezeichnet werden, mΓΌssen jedoch vor dem Hintergrund nach wie vor anfΓ€lliger FinanzmΓ€rke gesehen werden. InflationsΓ€ngste und erneut steigende Covid-Fallzahlen sowie die hohe Staatsverschuldung stellen nur einige von verschiedenen Herausforderungen fΓΌr die FinanzmΓ€rkte dar.
Sollrendite sinkt
Der technische Zinssatz wurde nochmals um 0.1 Prozentpunkte auf 1.8% gesenkt. Somit wurden die Kapitalien der Arbeitnehmer sowie jene der Rentner im vergangenen Jahr gleich verzinst. Ebenfalls weiter gekΓΌrzt wurde der Umwandlungssatz, wodurch sich die jΓ€hrlichen Pensionierungsverluste reduzieren. Complementa schΓ€tzt, dass Pensionskassen aktuell eine Rendite von mindestens 2.1% erwirtschaften mΓΌssen, um den Deckungsgrad konstant zu halten. GemΓ€ss Complementa kΓΆnnen Pensionskassen beim aktuellen Anlagemix auch ungefΓ€hr mit dieser Rendite rechnen.
Tieferer Umwandlungssatz
Der langjΓ€hrige Trend setzt sich fort: Mit durchschnittlich 5.50% liegt der Umwandlungssatz 2021 nochmals fast 0.1 Prozentpunkte tiefer als im Vorjahr. Die Pensionskassen entfernen sich damit weiter vom BVG-Mindestumwandlungssatz von 6.8%, der nach der gescheiterten Rentenreform zwar weiterhin GΓΌltigkeit hat, jedoch weder der gestiegenen Lebenserwartung noch dem Zinsniveau Rechnung trΓ€gt. Der versicherungstechnisch korrekte Umwandlungssatz liegt bei einem technischen Zins von 1.75% bei 4.77%. Ein zu hoch angesetzter Umwandlungssatz fΓΌhrt zu Pensionierungsverlusten, die jΓΌngere JahrgΓ€nge indirekt durch tiefere Verzinsungen bezahlen mΓΌssen. Pensionskassen haben fΓΌr die nΓ€chsten fΓΌnf Jahre bereits Reduktionen beschlossen, um dieser Umverteilung entgegen zu wirken. Dadurch dΓΌrfte der durchschnittliche Umwandlungssatz bis 2026 auf 5.22% sinken.
Umverteilung deklarieren
Pensionskassenvertreter fordern in der Umfrage erneut die Entpolitisierung der Vorsorge. Einzelne Exponenten kommentieren das Aufschieben von Anpassungen wie beispielsweise des Mindestumwandlungssatzes oder des Rentenalters als Β«Tatbestand extremer Nicht-NachhaltigkeitΒ» oder gar als schΓ€ndlich, da politischen Zankereien mitursΓ€chlich fΓΌr den Reformstau seien. BegrΓΌssen wΓΌrden die Pensionskassenvertreter eine Senkung β oder gar Aufhebung β des Koordinationsabzugs sowie ein frΓΌher einsetzender Sparprozess, z. B. ab dem 20. Altersjahr. Drei von vier der Befragten stimmen zu, dass die Umverteilung fΓΌr jede Vorsorgeeinrichtung, sowohl gemessen als auch ausgewiesen werden sollte und erhoffen sich dadurch Transparenz und eine FΓΆrderung des Bewusstseins in der Politik und bei den WΓ€hlern. 68% wΓΌnschen sich die Abschaffung von Eigenmietwert und AbzugsfΓ€higkeit von Hypothekarzinsen, um WohneigentΓΌmer verstΓ€rkt zur Tilgung von Hypotheken zu motivieren. Die dadurch ausgelΓΆsten potenziellen MittelabflΓΌsse aus der 2. SΓ€ule kΓΆnnten theoretisch die Finanzierungsrisiken insgesamt senken.
Skepsis gegenΓΌber 1e-PlΓ€nen
Neun von zehn Studienteilnehmer beurteilen das Drei-SΓ€ulen-System nach wie vor als zeitgemΓ€ss, sehen aber durch den anhaltenden Reformstau den Generationenvertrag bedroht. Lediglich 32% bejahen, dass 1e-PlΓ€ne mit der Altersvorsorge und dem SolidaritΓ€tsgedanken der 2. SΓ€ule vereinbar sind. Γhnlich wird ΓΌber variable Renten geurteilt. 60% sehen variable Renten zwar grundsΓ€tzlich als sinnvoll an, urteilen aber, dass dies zurzeit politisch chancenlos sei, selbst wenn lediglich ein Anteil von 10 oder 20 Prozent an der Gesamtrente variabel ausgestaltet wird. Um die Schweizer Altersvorsorge insgesamt zu stΓ€rken, sprechen sich 82% der BVG-Vertreter fΓΌr eine FΓΆrderung der dritten SΓ€ule (3a) aus, beispielsweise durch Anhebung der zulΓ€ssigen Einzahlungen oder mittels Lockerungen der Voraussetzungen. Von letzterem verspricht man sich, auch Hausfrauen, MΓΌtter oder Studenten ohne Erwerbseinkommen β unter UmstΓ€nden gar rΓΌckwirkend β in dieser SΓ€ule der Altersvorsorge zu inkludieren. Erfreulicherweise halten dies auch sieben von zehn Pensionskassenverantwortliche fΓΌr politisch realisierbar.
Rentenalter und Lebenserwartung verknΓΌpfen
Ein Vergleich unseres Vorsorgesystems mit denjenigen der Niederlande, Schweden und DΓ€nemark, welche ΓΌber eine hochangesehene Altersvorsorge verfΓΌgen, sowie der grΓΆssten europΓ€ischen Volkswirtschaft Deutschland zeigt, dass die Dreiteilung in staatliche, berufliche und private Vorsorge keine Schweizer Besonderheit, sondern zum Standard eines tragfΓ€higen Systems zΓ€hlt, aber die Bedeutung der einzelnen SΓ€ulen variiert. Diese europΓ€ischen Nationen haben auch komplexe Vorsorgesysteme und kΓ€mpfen ebenfalls mit einer Steigerung der Lebenserwartung ihrer BevΓΆlkerung. Den VergleichslΓ€ndern gemein ist, dass das Rentenalter an die Lebenserwartung geknΓΌpft wurde. 71% der Befragten BVG-Vertreter befΓΌrworten eine solche Massnahme auch fΓΌr die Schweiz, wobei die Rente fΓΌr eine durchschnittliche Bezugsdauer von 20 Jahren (68% Zustimmung) ausgelegt werden soll, was in etwa der aktuellen Lebenserwartung von MΓ€nnern im Alter 65 entspricht (Frauen: 23 Jahre gem. BFS). Dieser Reformmassnahme steht jedoch entgegen, dass nur einer von fΓΌnf Studienteilnehmern glaubt, dies sei im aktuellen politischen Umfeld ΓΌberhaupt durchsetzbar. HierfΓΌr brΓ€uchte es ein Umdenken in der Gesellschaft, sodass Arbeiten mit 65plus attraktiv und akzeptiert ist. Stattdessen wΓΌrden neun von zehn der Befragten begrΓΌssen, den Sparprozess in der 2. SΓ€ule frΓΌher (z. B. ab dem 20. Altersjahr) zu beginnen. Erneut klar betont (94%) wurde durch die Experten zudem, dass fΓΌr Frau und Mann ein einheitliches Rentenalter gelten solle β die Schweiz kennt als eines von sehr wenigen LΓ€ndern noch eine solche Ungleichbehandlung.
Auch das Jahr 2021 verlΓ€uft bisher erfreulich. Die Kapitalanlagen der Pensionskassen verbuchten bis Ende August eine Rendite von 7.1%. Dadurch stieg der durchschnittliche Deckungsgrad von 110.2% auf 116.3% und liegt damit so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr. (ots/wil)