Kostendruck stellt Krankenkassen vor Herausforderungen
Viele Krankenkassen weiten ihr Angebotsportfolio aus. Das Problem: Ihr Vertrieb ist nicht darauf ausgerichtet.
Patrick Gunti
Um LiquiditΓ€tsengpΓ€ssen zu entgehen, verkaufen viele Krankenkassen sortenfremde Versicherungen. Ohne Erfolg, denn ihr Vertrieb ist selten darauf ausgerichtet.Photo by Scott Graham on Unsplash
Der Kosten- und Margendruck im Schweizer Markt fΓΌr die klassische Grundversicherung ist unverΓ€ndert hoch. Vor allem kleinere Krankenkassen geraten dadurch in LiquiditΓ€tsengpΓ€sse, die Investitionen in neue Angebote und digitale LΓΆsungen verhindern. Kostenanteile wie Innovation, Service und IT lassen sich nicht proportional zur GrΓΆsse reduzieren und wirken deshalb besonders schwer. Dies fΓΌhrt dazu, dass zahlreiche Krankenkassen ihr Angebotsportfolio ausweiten und ins GeschΓ€ft von Versicherungen vordringen.
Vertrieb kaum auf neue Produkte ausgerichtet
So verkaufen Krankenkassen mittlerweile hΓ€ufig Hausrat-, Haftpflicht- oder Autoversicherungen und einige wagen sich auch an komplexere Vorsorgeangebote. Alle Krankenkassen, auch die grossen, stehen dabei vor einer grossen Herausforderung: Ihr Vertrieb ist historisch bedingt besonders stark im Bereich der obligatorischen Grundversicherung und kaum auf das GeschΓ€ft mit komplexeren Zusatzversicherungen und schon gar nicht auf sortenfremde Versicherungen ausgerichtet.
Γberleben heisst die Devise
Β«Noch immer verbringen die eigenen Vertriebsmitarbeitenden rund 80 Prozent ihrer Zeit mit den GrundversicherungsangebotenΒ», sagt Philipp Kaupke, Partner bei der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partner in ZΓΌrich. Dabei, so Kaupke, hΓ€tten die Versicherungen gar keine Alternative, als Zusatzversicherungen zu verkaufen. Die Diskussion drehe sich nicht darum, zusΓ€tzlichen Gewinn zu erzielen oder Potenzial abzuschΓΆpfen, sondern um das Γberleben der Gesellschaften. Β«Fakt ist, dass die Einnahmen aus der Grundversicherung fΓΌr die meisten Krankenversicherer nicht ausreichen, um die Kosten fΓΌr Innovation und Weiterentwicklung, aber auch fΓΌr IT, Service und Verwaltung zu deckenΒ», sagt der Experte.
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Optimierung gefragt
Beim Verkauf von Zusatzversicherungen essen viele Krankenkassen hartes Brot. Denn die Mehrheit der Schweizer BevΓΆlkerung bewertet nicht nur die Gesundheitsversorgung als sehr gut, sondern auch die Grundversicherung als umfassend und weitestgehend ausreichend. Kaupke findet es deshalb umso wichtiger, Kunden im Beratungsprozess auch ΓΌber existierende VersorgungslΓΌcken aufzuklΓ€ren, welche mittels Zusatzversicherungen gedeckt werden kΓΆnnten. Β«Zusatzversicherungen sind in den allerwenigsten FΓ€llen reine Pull-Produkte, sondern mΓΌssen im Beratungsprozess aktiv betont werden, um vertrieblich erfolgreich zu seinΒ», sagt er.
Um diesem zeitlichen Aufwand Herr zu werden und die Berater im Vertrieb effizient zu unterstΓΌtzen, ist Optimierung gefragt. Kaupke denkt hier insbesondere an die Standardisierung der Beratungsstrecke, der BedΓΌrfniserhebung und der darauf abgestimmten Produktempfehlungen ΓΌber alle Bereiche hinweg.
MΓΆgliches Problem mit der GlaubwΓΌrdigkeit
Simon-Kucher erkennt beim Ausbau der Angebotsportfolios bei fast allen Krankenkassen klare Ambitionen und auch Umsetzungserfolge. Β«PersΓΆnlich wΓΌrde ich den Bereich 3a als sehr attraktiv bewerten, weil er den Vorsorgecharakter zwischen Kunde und Krankenkasse unterstreichtΒ», erklΓ€rt Philipp Kaupke. Insbesondere bei Hausrat- oder Autoversicherungen sieht er aber auch ein GlaubwΓΌrdigkeitsproblem: Β«Es muss abgewogen werden, ob mit einem solchen Schritt die Kernmarke und der Marktauftritt in Mitleidenschaft gezogen werden kΓΆnnte, weshalb ich hier Vertriebspartnerschaften als probates Mittel sehe.Β»
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Konsolidierung des Marktes wahrscheinlich
Trotz Umsetzungserfolgen hΓ€lt der Experte eine Konsolidierung des Krankenkassenmarktes fΓΌr wahrscheinlich: Β«Die Situation spitzt sich vor allem fΓΌr kleinere und mittlere Krankenkassen zu.Β» Besonders die mittelgrossen Kassen sieht Kaupke gefΓ€hrdet: Β«Sie sind einerseits zu klein, um langfristig die ΓΌberproportionalen Kosten zu stemmen, und gleichzeitig zu gross, um sich auf eine Nische zu konzentrieren.Β» FΓΌr sie werde der Bewegungsraum zunehmend kleiner. Β«Es gilt, rechtzeitig die strategischen Optionen abzuwΓ€gen und eine klare Entscheidung ΓΌber das eigene Schicksal zu treffen, bevor diese anderen ΓΌberlassen wird.Β»
Kleinere Krankenkassen werden hingegen nach Ansicht von Kaupke auch weiterhin ihre Nische erfolgreich bearbeiten kΓΆnnen β so sie denn ΓΌber eine scharf gekennzeichnete Vertriebs- und Serviceposition verfΓΌgen. Derweil sind grosse Krankenkassen gefordert, ihre Vertriebskraft effizient und effektiv einzusetzen: Β«Sollten sie diesen Schritt erfolgreich meistern, gehe ich davon aus, dass sie ihre Dominanz am Markt weiter ausbauen kΓΆnnen.Β»