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Naturkatastrophen: Dank Geodaten können Versicherer zahlen, bevor Experten vor Ort sind

Versicherer könnten nach Naturkatastrophen zahlen, bevor ein Experte vor Ort ist. René Schönauer von Guidewire erklärt, wie Cloud, Geodaten und KI Schäden schneller erfassen und wo Menschen weiter entscheiden.

Andrea Hohendahl

René Schoenauer ist Director Product Marketing EMEA bei Guidewire Software.
zVg

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Herr Schönauer, im Juli bezifferten Sie den Anteil der Sachversicherungsprämien, die noch über alte Systeme laufen, auf über 40 Prozent. Wie hoch ist dieser Anteil in der Schweiz?
Die 45 Prozent beziehen sich auf das Sach- und Unfallgeschäft. Zum Leben- und Krankengeschäft verfüge ich über keine Angaben, weil wir dort nicht tätig sind. Mit Zurich und Vaudoise haben wir inzwischen aber auch grössere Versicherer im Portfolio, die nicht nur Standardsoftware einsetzen, sondern den Schritt ins Software-as-a-Service-Modell gehen. Dabei muss man unterscheiden: Cloud als Begriff sagt noch wenig aus. Viele Versicherer haben ihre Systeme bereits in der Cloud.
René Schoenauer ist als Director Product Marketing EMEA verantwortlich für die Positionierung der Lösungen von Guidewire Software in Europa. Der Mathematiker stimmt mit europäischen Kunden und den Guidewire-Entwicklungsteams die Produktstrategie ab.
Der eigentliche Mehrwert entsteht erst im Software-as-a-Service-Modell, in dem wir mehr Verantwortung dafür übernehmen, die Systeme aktuell zu halten.
Helvetia und Baloise haben unlängst fusioniert und stehen vor der Systemmigration. Was sollte zuerst kommen: Prozesse und Produkte vereinheitlichen oder die Wahl der Plattform?
Grundsätzlich gilt: Wer sich für eine der beiden Produktlandschaften entscheidet, muss klären, ob er bestimmte Produkte vorerst auf dem Altsystem weiterführt. Es gibt unterschiedliche Strategien, die meiner Meinung nach vom Fachbereich und den geschäftlichen Prioritäten definiert werden. Man kann einen Teil des Bestands auf dem Mainframe weiterführen und später migrieren. Ich persönlich würde so schnell wie möglich versuchen, auf die neue Technologie umzustellen, aber natürlich kontrolliert und strategisch abgestimmt.

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Warum?
Weil die Technologie immer stärker zur Basis des Versicherungsgeschäfts wird. Die Technologie ist zwar nicht die Kernkompetenz eines Versicherers, aber alles steckt in den Systemen: die Verträge, die Schäden, die Produkte, die Underwriting-Regeln.
Vaudoise war der erste Schweizer Versicherer auf der Guidewire Cloud. Dies sollte die Bearbeitung von Motorfahrzeugschäden beschleunigen. Ist das jetzt der Fall?
Vaudoise ist bei den Schäden vom Altsystem auf ClaimCenter und direkt in die Cloud gewechselt; inzwischen ist auch Zurich live gegangen. Die Vorteile sind in erster Linie technologischer Natur, dazu kommen neue Bearbeitungs- und digitale Möglichkeiten.
Wie viel Effizienz bringt das im Schnitt pro Schaden?
In Referenzprojekten wird die Schadenbearbeitung um gut 50 Prozent schneller. Entscheidend ist aber der Kunde: Er erhält schneller eine Antwort und ein Ergebnis, und der Prozess wird transparenter. Wartezeiten, weil ein Fall auf dem Mainframe liegt oder ein Medienbruch stattfindet, sind heute nicht mehr zeitgemäss.
Das lässt sich aber kaum allein an der Technologie festmachen.
Viele Versicherer haben interne Regeln. Die einen lassen sich bewusst mehrere Tage Zeit, die anderen steuern Fälle direkt in die Automatisierung. Jeder legt eigene Schwellenwerte fest, denn je mehr auch komplexe Schäden automatisiert abgewickelt werden, desto grösser ist das Risiko, dass etwas zurückkommt. Das ist letztlich eine Frage der Unternehmensstrategie: Will ich vor allem serviceorientiert oder vor allem schnell sein?

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Sie binden KI-Agenten direkt an Vertrag, Schaden und Abrechnung an. Ist das vereinbar mit den regulatorischen Anforderungen?
Entscheidend ist, wie wir Agentic AI angehen. Es gibt drei Stufen: erstens informieren und zusammenfassen, zweitens Vorschläge unterbreiten und drittens automatisieren. Anders als bei KI-Piloten, bei denen ein Versicherer vielleicht ein Sprachmodell an seinen Mainframe anbindet, besteht bei uns immer die Verbindung zum Kontext. Der Versicherer legt seine Regeln fest, und auf dieser Basis arbeiten die Agenten. Die Governance und Compliance richten sich nach den Regeln des Versicherers und des Marktes, in dem er tätig ist.
Die Verantwortung bleibt also beim Versicherer.
Das ist korrekt. Schon bei der Einführung der EU-Datenschutz-Grundverordnung haben wir uns klar positioniert: Wir geben dem Versicherer alle technologischen Werkzeuge an die Hand, damit er datenschutzkonform ist. Selbstverständlich erfüllen wir alle Pflichten, die uns als IT-Dienstleister treffen. Die Regulierung betrifft aber auch Reporting und organisatorische Massnahmen, die wir nicht kontrollieren können.
Versicherung gilt als People-Business. Fast 90 Prozent der Schweizer Versicherten wünschen sich, dass Menschen wichtige Entscheidungen treffen. Automatisieren Sie an den Kundenwünschen vorbei?

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Wir zwingen den Kunden nicht in einen Kanal, er kann jederzeit wechseln. In unserer Concierge-Demo an der Connection in Las Vegas war zu sehen, dass er bei jedem Schritt sagen kann: Ich möchte jetzt mit einem Menschen sprechen. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Es bleibt ein People-Business, da stimme ich zu.
Was verändert sich dann?
Aufgaben werden vereinfacht und beschleunigt. Nehmen wir zum Beispiel die Gewerbeversicherung: Ein Underwriter musste früher bis zu 300 Seiten Dokumentation von Hand durcharbeiten. Das dauerte Tage oder Wochen. Heute sitzt ein KI-Assistent neben ihm und liefert die Zusammenfassung. Mit dem kann er in natürlicher Sprache interagieren, nachfragen und sich die Originalstellen aus den Dokumenten zeigen lassen. Vieles wird automatisiert, aber am Ende trifft immer noch ein Mensch die Entscheidung, speziell im komplexen Geschäft. Im Privatkundengeschäft ist ohnehin schon sehr vieles automatisiert.
Die Mechanik erledigt die Maschine, die Beratung und die Entscheidung der Mensch?
Genau. Und darin sehe ich eine grosse Chance. Versicherungsvertreter und Makler können ihre Rolle als Risikoexperten mit diesen Werkzeugen viel besser wahrnehmen. In Skandinavien ist das oft schon der Fall. Dort wird der Berater für den Kunden zu einer Art Lebens- oder Risikopartner.

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In der Schweiz ist die Elementarschadenversicherung solidarisch organisiert, in den meisten Kantonen über die kantonalen Gebäudeversicherungen, in den sogenannten Gustavo-Kantonen über die Privatversicherer. Genaue Risikodaten wirken hier also nicht über den Preis. Wo liegt dann ihr Nutzen: in der Kumulsteuerung, in der Prävention oder in schnelleren Zahlungen?
Das ist ein vielfältiger Bereich. Nehmen wir als Beispiel Valencia: Das zweite Jahr in Folge gab es dort extreme Unwetter und Überflutungen. Als Versicherer muss ich mir aus rein mathematischen Gründen überlegen, wie ich Kapital und Risiko im Gleichgewicht halte. In gewissen Gegenden funktionieren klassische Versicherungen meiner Meinung nach nicht mehr. Mit Technologie kann man über andere Modelle nachdenken, etwa eine gestaffelte Mischung aus klassischer und parametrischer Versicherung. Da liegt meiner Meinung nach eine grosse Chance, um von starren Produkten wegzukommen. Und was oft übersehen wird: Versicherer haben auch eine soziale Verantwortung, Menschen abzusichern. Wie das finanziert wird – über Rückversicherung, über Katastrophenanleihen, mit dem Staat oder solidarisch wie in der Schweiz –, ist eine zweite Frage.
Und wenn das Ereignis eintritt?

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Dann habe ich heute ganz andere Möglichkeiten. Ich habe einen direkten Überblick über mein Portfolio, Schätzungen und Simulationen, wie weit ein Gebiet überflutet ist. Ich weiss auf der Basis von Geodaten genau, wo meine Verträge und Kunden sind. Vielleicht komme ich als Versicherer eine Woche lang gar nicht ins Gebiet. Aber ich kann einem Kunden in einer stark betroffenen Lage gezielt schon einmal Ersthilfe überweisen, damit er überhaupt etwas tun kann. Ich kann ihm eine Push-Nachricht schicken: Wir wissen, dass dir etwas passiert ist, wir kümmern uns. Das ist die emotionale Ebene. So kann ich sehr granular, schnell und persönlich mit dem Kunden interagieren. Auch die Nachbearbeitung von Kumulschäden wird beschleunigt. Früher mussten Hunderte von Experten ausrücken und alles begutachten. Heute nehmen Drohnen die Fotos auf. Technologisch sehe ich da keine Grenzen mehr.
Das Interview fand anlässlich der Connections von Guidewire am 28. Oktober 2026 in Las Vegas statt. Die Reise wurde von Guidewire unterstützt.

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