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Gastbeitrag

Die nächste Entwicklungsstufe für Versicherungen

Wenn künstliche Intelligenz bei Versicherungen nur dazu dient, bestehende Abläufe etwas schneller zu machen, bleibt ihr grösstes Potenzial ungenutzt. Die eigentliche Frage lautet nicht mehr, ob KI Mehrwert schafft. Sie lautet, ob Organisationen bereit sind, Arbeit, Entscheidungen und Kundenbeziehungen neu zu denken.

Christian Thier

KI wird für Banken und Versicherungen zum strategischen Hebel, um Prozesse, Entscheidungen und Kundenbeziehungen neu zu gestalten und dabei Innovation, Effizienz und menschliche Verantwortung miteinander zu verbinden.
KI wird für Banken und Versicherungen zum strategischen Hebel, um Prozesse, Entscheidungen und Kundenbeziehungen neu zu gestalten und dabei Innovation, Effizienz und menschliche Verantwortung miteinander zu verbinden.Dukas

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Künstliche Intelligenz ist in der Finanz- und Versicherungsbranche angekommen. Sie unterstützt heute Kundenberatung, Risikomanagement, Compliance-Prozesse und die tägliche Wissensarbeit.
Zum Autor
Christian Thier ist Leader der Sparte Financial Services Industry bei Microsoft Schweiz.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Unternehmen KI nutzen. Sie lautet: Wie lässt sich KI so skalieren, dass daraus nicht nur Effizienzgewinne entstehen, sondern neue Formen von Wertschöpfung?
Teil eines neuen Betriebsmodells
Die Schweizer Finanz- und Versicherungsbranche bringt dafür starke Voraussetzungen mit. Banken, Versicherungen und Vermögensverwalter haben in den vergangenen Jahren in Cloud-Technologien, Datenplattformen und digitale Kundenschnittstellen investiert. Genau auf dieser Grundlage entscheidet sich nun die nächste Phase: KI wird nicht mehr nur als Werkzeug eingeführt, sondern als Teil eines neuen Betriebsmodells verstanden. Bei Microsoft sprechen wir in diesem Zusammenhang von Frontier Transformation. Gemeint ist die Weiterentwicklung von Organisationen, in denen Menschen, KI-Assistenten und spezialisierte Agenten enger zusammenarbeiten. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Technologie selbst, sondern die Frage, wie Arbeit neu gestaltet wird.
In Gesprächen mit Geschäftsleitungen aus Banken und Versicherungen zeigt sich ein klares Muster: Die grössten Hürden liegen heute selten in der Verfügbarkeit von KI. Technologie und Infrastruktur sind vorhanden, viele Mitarbeitende nutzen KI bereits im Alltag. Die entscheidende Herausforderung ist eine andere: Wie werden aus einzelnen Anwendungsfällen messbare Verbesserungen in Kernprozessen? Wie wird aus einem Pilotprojekt ein belastbares Betriebsmodell?

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Wo Informationen verloren gehen
Erfolgreiche Organisationen starten deshalb nicht mit der Frage, wo sie ein weiteres KI-Tool einsetzen können. Sie analysieren zunächst, wie Arbeit tatsächlich abläuft: Wo entstehen Verzögerungen? Wo gehen Informationen verloren? Welche Tätigkeiten binden Kapazitäten, ohne zusätzlichen Kundennutzen zu schaffen? Erst wenn diese Abläufe sichtbar werden, lässt sich entscheiden, welche Aufgaben automatisiert, welche durch KI unterstützt und welche bewusst durch Menschen verantwortet werden sollen.
Ein internationales Beispiel dafür liefert BNY, die älteste Bank der USA. Dort wird KI nicht als isoliertes Technologieprojekt verstanden, sondern als Neugestaltung von Arbeit in einem hochregulierten Umfeld. Die Bank integriert sogenannte digitale Mitarbeitende in bestehende Systeme, Workflows und Governance-Strukturen. Entscheidend ist: KI operiert nicht ausserhalb der Organisation, sondern innerhalb klar definierter Regeln, Berechtigungen und Kontrollmechanismen. Jede Handlung muss nachvollziehbar und auditierbar bleiben.
Die wichtigste Lehre daraus ist weniger amerikanisch als universell: Skalierung gelingt in regulierten Branchen nicht trotz Governance, sondern durch Governance. Wer KI in kritischen Prozessen einsetzen will, muss Verantwortlichkeiten, Datenzugriff und Kontrolle von Beginn an mitdenken.

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Zunehmend in Geschäftsprozessen integriert
Für den Schweizer Finanz- und Versicherungsplatz ist jedoch besonders entscheidend, dass diese Entwicklung längst nicht nur in den USA stattfindet. Wie relevant dieser Gedanke gerade für die Rückversicherung ist, zeigt Swiss Re. Bei Swiss Re wird KI zunehmend in zentrale Geschäftsprozesse wie Underwriting, Schadenbearbeitung und Portfoliomanagement integriert, um einen rascheren Zugang zu Erkenntnissen zu ermöglichen und schnellere, qualitativ hochwertigere und relevantere Ergebnisse für Kundinnen und Kunden zu erzielen. Der global tätige Rückversicherer hat Copilot für Microsoft 365 unternehmensweit verfügbar gemacht und fördert die Nutzung aktiv durch umfassende Enablement-Massnahmen sowie ein klares Commitment des Managements zur Einführung generativer KI. Governance-, Sicherheits- und Kontrollmechanismen werden dabei von Beginn an beim Einsatz von KI verankert. KI unterstützt Expertinnen und Experten dabei, Informationen schneller zu analysieren und fundiertere Entscheidungen zu treffen. Menschliches Urteilsvermögen und Verantwortung bleiben dabei zentral. Dieses Vorgehen zeigt exemplarisch, worauf es in stark regulierten Branchen ankommt. Innovation und Compliance werden nicht als Gegensätze verstanden, sondern gemeinsam vorangetrieben.

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Auch die Mobiliar zeigt, wie relevant Künstliche Intelligenz für Versicherungen ist. KI unterstützt bereits heute bei der Bearbeitung von E-Mails, der Texterstellung, bei Übersetzungen und Datenanalysen sowie in der Software-Entwicklung. Mit ihrer Daten- und KI-Strategie will die Mobiliar Produktivität, Servicequalität, Wachstum und Digitalisierung weiter vorantreiben. Dabei setzt sie auf das Zusammenspiel von Mensch, Technologie und Prozessen, um Mitarbeitende zu entlasten, komplexe Aufgaben effizienter zu bewältigen und mehr Zeit für fachliche Fragestellungen sowie die persönliche Betreuung von Kundinnen und Kunden zu schaffen. So stärkt KI nicht nur die Effizienz, sondern auch den Kundennutzen.
Konsistente und vertrauenswürdige Informationen
Besonders deutlich wird die Bedeutung von Daten und Kontext im Versicherungsgeschäft. Zurich Insurance Group beschreibt, wie Kundinnen und Kunden Informationen in Bildern, E-Mails, Berichten, unterschiedlichen Sprachen und Formaten bereitstellen. Genau hier zeigt sich, warum Datenintegrität und Kontext zu strategischen Erfolgsfaktoren werden: KI kann nur dann verlässlich unterstützen, wenn sie auf konsistente, vertrauenswürdige Informationen zugreift und diese im richtigen geschäftlichen Zusammenhang einordnet. Für Underwriting, Risikoprüfung oder Schadenbearbeitung bedeutet das: Nicht das Modell allein schafft Mehrwert, sondern die Verbindung aus Datenqualität, Prozessverständnis und menschlicher Kontrolle.

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Damit verschiebt sich der Blick auf KI. Es geht nicht nur darum, bestehende Prozesse schneller abzuarbeiten. Es geht darum, Organisationen lernfähiger zu machen. Wenn KI-Assistenten und digitale Mitarbeitende Informationen zusammenführen, Muster erkennen und wiederkehrende Aufgaben übernehmen, entstehen neue Erkenntnisse: Wo treten Engpässe auf? Welche Kundenbedürfnisse werden sichtbar? Welche Prozesse lassen sich verbessern? Für Banken und Versicherungen, deren Wertschöpfung über Systeme, Teams und regulatorische Anforderungen hinweg verläuft, ist das ein zentraler Hebel.
Auch Kundenbeziehungen können dadurch neu gedacht werden. Im Private Banking, im Firmenkundengeschäft oder in der Versicherung geht es nicht darum, Beratung zu automatisieren oder zu entmenschlichen. Wenn KI Recherche, Dokumentenanalyse oder die Vorbereitung von Kundengesprächen unterstützt, entsteht mehr Raum für Erfahrung, Kontextverständnis und persönliche Verantwortung. Die Kundenbeziehung wird nicht durch Technologie ersetzt, sondern durch bessere Vorbereitung, schnellere Reaktionsfähigkeit und präzisere Einblicke gestärkt.
Regulatorische Konformität
Gerade in der Finanz- und Versicherungsbranche ist Vertrauen keine Begleiterscheinung erfolgreicher Transformation, sondern Voraussetzung. Kundinnen und Kunden erwarten effiziente Prozesse, aber auch nachvollziehbare Entscheidungen und verantwortungsvolles Handeln. Verantwortungsvolle KI umfasst deshalb weit mehr als regulatorische Konformität. Transparenz, Datenschutz, Sicherheit, menschliche Kontrolle und digitale Souveränität werden zu strategischen Erfolgsfaktoren. Digitale Souveränität bedeutet dabei nicht Abschottung, sondern die Fähigkeit, globale Innovation zu nutzen und gleichzeitig Kontrolle über Daten, Zugriffe und zentrale Technologieentscheidungen zu behalten.

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Die Schweiz verfügt dafür über starke Voraussetzungen: hohe Innovationskraft, anspruchsvolle regulatorische Standards, erstklassige Fachkräfte und eine ausgeprägte Vertrauenskultur. Der nächste Schritt wird jedoch nicht durch Technologie allein entschieden. Entscheidend ist, ob Führungskräfte KI aus der Pilotlogik herausführen und in Geschäftsprozesse, Rollenmodelle und Entscheidungsstrukturen übersetzen.
Eine Führungsagenda
Die nächste Entwicklungsstufe für Banken und Versicherungen ist deshalb keine reine Technologieagenda. Sie ist eine Führungsagenda. Für den Schweizer Finanzplatz liegt die Chance darin, seine traditionellen Stärken wie Vertrauen, Präzision und Kundennähe mit neuen Formen intelligenter Arbeit zu verbinden.

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