Herr Rüsch, Sie sind seit Juni 2025 als Head Switzerland, Benelux, Nordics & Italy tätig. Was kennzeichnet diesen relativ neu geschaffenen Bereich, was wollen Sie erreichen?
Um das zu beantworten, muss ich ein wenig weiter zurückgehen und auch die Strategie dahinter erläutern. Wir hatten bei Swiss Re Corporate Solutions zuvor eine sogenannte Regionalstruktur, die auf vier Regionen weltweit aufgeteilt war. In dieser Struktur haben grosse und wichtige Märkte allerdings nicht die Priorität und Aufmerksamkeit genossen, die sie verdient gehabt hätten. Deshalb wurde entschieden, die Regionen aufzulösen und stattdessen auf sogenannte Market Units zu setzen - insgesamt neun an der Zahl. Durch diesen Zuschnitt wollen wir näher an den Märkten und vor allem näher an den Kunden sein. Zudem erhöht das die Effizienz in der Entscheidungsfindung.
Welche strategische Rolle spielt die Schweiz bei Swiss Re?
Die Schweiz ist unsere Heimat und für Corporate Solutions einer der wichtigsten und attraktivsten Märkte, denn es gibt hier zahlreiche grosse Firmen, die global tätig sind. Wir haben die Erstversicherung für Schweizer Unternehmen vor etwa fünf Jahren neu lanciert und seither strategisch in diesen Markt investiert. Gemeinsam mit meinem Team hatte ich damals einen Business Case erstellt und ein Marktteam aufgebaut - das von etwa 10 auf mittlerweile fast 50 Personen angewachsen ist. Das unterstreicht die Bedeutung der Schweiz für unser Geschäft. Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, bilden wir Spezialistinnen und Spezialisten im Bereich Industrieversicherung übrigens gleich selbst aus - allein 25 in den ersten vier Jahren.
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Der Gesprächspartner
Michael Rüsch Rüsch stiess im Oktober 2020 als Country Head Switzerland zu Swiss Re Corporate Solutions. Seit Juni 2025 ist er dort als Head Switzerland, Benelux, Nordics & Italy tätig.
Aber der Markt ist auch sehr umkämpft mit zahlreichen internationalen Anbietern, die bereits länger im Geschäft sind. Ist der Kuchen gross genug?
Der Kuchen schmeckt uns bislang jedenfalls sehr gut (lacht). Natürlich ist es ein gesättigter Markt, aber auch in einem gesättigten Markt gibt es spannende Opportunitäten. Vor fünf Jahren waren die Kapazitäten für Industrieversicherungen noch recht verknappt - und die Swiss Re ein gefragter Kapazitätsgeber. Damals war es eigentlich fast unmöglich, eine Tür zu finden, die uns gegenüber verschlossen geblieben ist. Da hat uns der starke Brand von Swiss Re natürlich sehr in die Karten gespielt - und die Tatsache, dass wir als Schweizer Firma bereits einen guten Zugang zu hiesigen Kunden und Brokern hatten. Aber natürlich brauchte es auch eine Marktbearbeitung, damit man uns nicht nur als Rück-, sondern auch als Erstversicherer wahrgenommen hat.
Mit Swiss Re Corporate Solutions kam also ein neuer Player im Bereich der Industrieversicherungen hinzu. Ist der Markt durch die Wettbewerbssituation insgesamt weicher geworden?
Je mehr Kapazität auf den Markt kommt, desto kompetitiver wird es für alle Beteiligten. Aber von einem weichen Markt, würde ich per se nicht sprechen, Underwriting-Disziplin ist bei uns und bei den Mitbewerbern nach wie vor eine wichtige Priorität.
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Grundsätzlich gibt es nicht einen einzigen Zyklus. Wir sehen auf der einen Seite gewisse Segmente, wie zum Beispiel US-Risiken, in denen es weiterhin eine klare Verknappung der Kapazitäten und Preiskorrekturen gibt. Der Property-Bereich entspannt sich teilweise, aber auch dort mussten viele Anbieter lernen, dass nicht alle Risiken qualitativ gut sind und ein gewisses Pricing unumgehbar ist. Im D&O- und Financial-Lines-Bereich gab es während einer gewissen Zeit eine wirklich krasse Bewegung, wo die Preise zum Teil “skyrocketing” waren, dann aber auch schnell wieder heruntergekommen sind.
Und bei den Klimarisiken kann man sowieso grundsätzlich nicht davon sprechen, dass es dort eine Entspannung gibt. Das geht leider in die völlig andere Richtung, die Risiken werden immer grösser. Diese Thematik geht angesichts der geopolitischen Spannungen derzeit vielleicht etwas unter - völlig zu Unrecht, denn die Schäden und die versicherten Schäden nehmen kontinuierlich zu.
««Im D&O- und Financial-Lines-Bereich gab es während einer gewissen Zeit eine krasse Bewegung, wo die Preise zum Teil 'skyrocketing' waren.»»
Michael Rüsch, Swiss Re
Welche Auswirkungen haben die aktuellen geopolitischen Spannungen auf die Kunden und auf Ihr Geschäft?
Zunächst einmal: Die geopolitische Lage birgt jeden Tag neue Unsicherheiten, niemand weiss, was als nächstes kommt und in welcher Region. Das hat natürlich einen grossen Einfluss auf unsere Kunden, für die es schwierig ist abzuschätzen, welche Auswirkungen das auf die Lieferketten oder die Energieversorgung haben wird. Für uns geht es in erster Linie darum, bestmögliche Lösungen im Sinne unserer Kunden für solche Risiken zu finden.
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Dabei steht nicht immer nur der Risikotransfer im Fokus, sondern es geht auch darum, Risiken zu vermeiden - also Prävention zu betreiben. Das ist ein Bereich, in den wir sehr viel investieren, um Entwicklungen antizipieren zu können. Wir unterstützen den Kunden dabei, alternative Lösungen und Möglichkeiten zu finden. Ich denke, Prävention ist einer der wichtigsten Wege, den wir in der Versicherungsindustrie gehen müssen.
Welche anderen Wege sind aus Ihrer Sicht vielversprechend?
Neben der Risikoprävention ganz klar der Bereich Daten und Analysen für die Projektion zukünftiger Schäden, aber auch das Schadenhandling und die Geschwindigkeit der Unterstützung unserer Kunden. Darüber hinaus sehe ich nach wie vor eine starke Nachfrage nach internationalen Programmen, wo das Angebot in der Schweiz wie auch in anderen Ländern überschaubar ist. Es gibt nicht viele Versicherer, die sowohl über die Erfahrung als auch das notwendige technische Setup und ein entsprechendes Netzwerk verfügen, um die Kunden international zu begleiten. In diesem Bereich sind wir sehr stark positioniert.
Ein weiterer Bereich ist der alternative Risikotransfer, wie beispielsweise die parametrische Versicherung oder Captives. Das ist eines unserer Steckenpferde, wir sind dort bereits seit vielen Jahren erfolgreich. Wir betrachten Captives nicht als Konkurrenten, sondern als Partner, die wir auch als Rückversicherer gerne begleiten. Auch da steigt die Nachfrage stark an.
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Gibt es auch Bereiche, in denen Sie sich zurückhalten?
Natürlich! Wir können nicht alles, wir wollen aber auch nicht alles machen. Aber das, was wir gut können, das wollen wir richtig gut machen. Diesen Anspruch haben wir für uns ganz klar artikuliert und darauf fokussieren wir uns. Es gibt gewisse Lines of Business, die wir nicht mehr machen, zum Beispiel Transport oder Luftfahrt. Davon haben wir uns in den letzten Jahren getrennt.
Sie engagieren sich persönlich sehr stark bei der Open Risk Data Association (ORDA), die seit Ende 2024 am Start ist – was ist die zentrale Idee hinter dieser Initiative?
Der Gesamtverband der versicherungsnehmenden Wirtschaft (GVNW) in Deutschland warf die Idee auf, eine neutrale, nicht profitorientierte Lösung für den digitalen Austausch von Risikodaten im deutschen und internationalen Industrieversicherungsmarkt zu implementieren. Die Industrieversicherung kämpft ja seit jeher mit unstrukturierten Daten in der Verarbeitung und Prozessierung von Versicherungsanträgen. Das bringt hohe Kosten und Aufwand mit sich, was nicht im Sinne der Broker und Versicherer ist - aber auch nicht der Kunden.
Eine gemeinsame Infrastruktur schafft die Möglichkeit, Risikodaten, zwischen Unternehmen, Brokern und Versicherern digital auszutauschen. Mittlerweile machen fast alle bedeutenden Marktteilnehmer in Deutschland bei der Open Risk Data Association (ORDA), einem Verein, mit. Das ist ein toller Erfolg. Momentan arbeiten wir in einem Pilotversuch an einem Daten-Gateway als “Minimal Viable Product”. Wenn das erfolgreich wird, werden wir die Lösung für einen ersten, spezifischen Bereich vollumfänglich auf den Markt bringen.
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Warum ist in der Schweiz so wenig darüber bekannt - und wie wollen Sie das ändern?
Indem ich Interviews gebe (lacht)! Nun, erst einmal streue ich die Informationen über meine eigenen Netzwerke in der Schweiz und promote es auch auf Veranstaltungen. Mittlerweile kommen aber auch einige Kunden auf mich zu, die bereits davon gehört haben. Unsere Kunden tauschen sich ja auch international aus. Wir haben uns aber bewusst entschieden, die Thematik langsam anzugehen, sonst kann es sich auch schnell verlieren. Jetzt fokussieren wir uns erst einmal auf einen erfolgreichen Pilotversuch des Daten-Gateways in Deutschland - danach wäre es ohne Probleme auf andere Länder skalierbar. Das Interesse wird dann auch in der Schweiz sicherlich gross sein, da bin ich mir sicher.
Wo sehen Sie das Industrieversicherungsgeschäft in fünf Jahren?
Wenn ich mir die Möglichkeiten durch die KI anschaue, welche Effizienzgewinne damit möglich sind und wie wir bei Swiss Re bereits damit umgehen, muss ich sagen: Wir sind auf dem richtigen Weg. Die KI bringt gerade der Industrieversicherung sehr viel Innovationskraft und Prozessverbesserungen und es ist extrem viel Bewegung in diesem Bereich. Am Ende werden wir in fünf Jahren eine einfachere und effizientere Industrieversicherung vorfinden, darauf freue ich mich bereits heute sehr.
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Was die Risikolandschaft anbelangt - die wird sicherlich noch einmal komplexer. Aber wir haben das Know-how und natürlich auch die entsprechende Kapitalkraft, um weiterhin erfolgreich zu sein. Denn eines darf man nicht vergessen: die Versicherungsindustrie ist ein Motor für die Wirtschaft. Daran wird sich auch in fünf Jahren nichts ändern.