Versicherungen sind komplexe Maschinen β so die Sicht nΓΌchterner Asset Manager. Auf der einen Seite verkaufen Versicherer VertrΓ€ge und nehmen dafΓΌr Geld ein. Ihr Ziel ist es, alles so zu kalkulieren, dass sie weniger fΓΌr SchΓ€den ausgeben mΓΌssen, die eventuell wΓ€hrend der Vertragslaufzeiten entstehen. Auf der anderen Seite legen sie das Geld so an, dass es mΓΆglichst zusΓ€tzliche ErtrΓ€ge einspielt, solange es nicht fΓΌr SchΓ€den ausbezahlt werden muss. Von der Differenz muss nicht nur der Vertrieb, die Kalkulation und die ganze Verwaltung finanziert werden, auch die Geldgeber, ohne die die ganze Maschine nicht funktionieren wΓΌrde, erwarten eine EntschΓ€digung. Die internen Kosten fΓΌr das Eigenkapital liegen total zwischen 9 und 1 Prozent und mΓΌssen ebenfalls eingenommen werden.
GrΓΆsse ist nicht alles
In der RealitΓ€t ist das VersicherungsgeschΓ€ft noch ein StΓΌck komplizierter: Finanzchefs kΓΆnnen die Ergebnisse schΓΆnrechnen, indem sie beispielsweise gerade nicht (mehr) benΓΆtigte Reserven reduzieren. Oder eine Versicherung kann sich darauf konzentrieren, die eigenen Kosten zu reduzieren und mΓΆglichst viel aus den bestehenden BestΓ€nden herauszuquetschen. Solche Drehs kΓΆnnen die Eigenkapitalrendite kurzfristig stabilisieren, lΓ€ngerfristig sind sie aber kein Erfolgsrezept, so das Fazit des jΓΌngsten Vergleichs von Boston Consulting Group (BCG).
Global kommt die Versicherungsbranche auf eine Kapitalrendite von 20 Prozent. Das schΓΆne Bild tΓ€uscht β in Europa liegt die Kapitalrendite bei lediglich 12 Prozent und damit nur wenig hΓΆher als die Kosten fΓΌr das Eigenkapital. Rechnet man die Besten der Branche raus, sieht das Bild noch schlechter aus. Der Grund: Einige Rezepte funktionieren nicht. Beispielsweise die schiere GrΓΆsse, die einige grosse europΓ€ische Versicherungskonzerne in die Waagschale werfen. GemΓ€ss den BCG-Experten sind diese kaum unter den Besten vertreten, weil sie sich jeweils in den einzelnen LΓ€ndern gegen lokale Anbieter behaupten mΓΌssen. Letztere haben ein besseres VerstΓ€ndnis der lokalen Gegebenheiten, eine loyale Kundenbasis und verfΓΌgen ΓΌber ein bestens eingefΓΌhrtes Distributionsnetz.
ESG-Initiativen und Digitalisierung als Erfolgskonzept
Ein langfristiges Erfolgskonzept sind ESG-Initiativen, wie sie in der Schweiz von Swiss Re und Zurich schon frΓΌh eingeleitet worden sind. Solche Initiativen werden immer wichtiger, weil immer mehr Asset Manager ihre bevorzugten Branchenvertreter nach diesem Kriterium zusammenstellen. Versicherer, die in dieser Hinsicht nichts unternehmen, fliegen aus den Portfolios, den Fonds und spΓ€ter aus den Leitindizes sowie von den Radarschirmen der Anleger. Dies gefΓ€hrdet die MΓΆglichkeit, Geld aufzunehmen und in die Weiterentwicklung des Unternehmens zu investieren.
Ein anderes Erfolgskonzept ist die Digitalisierung: Aktuell fΓΌhrt diese jΓ€hrlich zu einem Vorsprung von 5 Prozent, was einem Drittel bis einem Viertel der Gesamtrendite entspricht. GemΓ€ss BCG ist der weltweite Branchenprimus in Sachen Digitalisierung die US-Versicherung Progressive, die in ihrem Nichtleben-GeschΓ€ft sehr stark auf Datenanalysen setzt. In den vergangenen fΓΌnf Jahren erzielte sie eine durchschnittliche Eigenmittelrendite von 29 Prozent. Mit 18 Prozent liegt die Zurich als erster Schweizer Versicherer auf Rang 6, nur unwesentlich hinter Ping An aus China, der Nummer 3 mit 20 Prozent. Swiss Life landet auf Rang 12, Baloise auf Platz 35 und ist damit in guter Gesellschaft mit den grossen europΓ€ischen Adressen.
Daten machen den Unterschied
Β«Spannend ist, dass ΓΌber alle Regionen hinweg eine Korrelation zwischen WertschΓΆpfung und digitalen FΓ€higkeiten nachzuweisen istΒ», sagt Pia Tischhauser, Leader Insurance Practice bei BCG Global in ZΓΌrich. Β«Gemessen an der gesamten auf das Eigenkapital erzielten Rendite weisen digitale Champions eine doppelt so hohe WertschΓΆpfung auf wie digitale NachzΓΌgler.Β» Die digitalen Champions seien auch schneller gewachsen und der Net Promoter Score sei um acht Punkte hΓΆher als derjenige der digitalen NachzΓΌgler.
Viele Schweizer Versicherer, so Tischhauser, hΓ€tten das Potenzial der kΓΌnstlichen Intelligenz und der Datenanalytik bisher erst marginal ausgeschΓΆpft, obwohl es viele MΓΆglichkeiten gebe. Β«Kein bΓΆrsennotierter Versicherer verdeutlicht diesen Vorteil besser als der US-Versicherer Progressive, der den amerikanischen Markt fΓΌr private Autoversicherungen dominiert. Progressive ist einer der besten Versicherer bei der Abstimmung von Risiko und Kapital, bei der Preisgestaltung und bei der digitalen Ansprache von Interessenten.Β» Das Unternehmen zeichne sich durch ein konstant profitables Wachstum aus. Β«Solange Progressive seine FΓΌhrungsrolle in der Datenanalyse beibehΓ€lt, ist das GeschΓ€ft tatsΓ€chlich zukunftssicherΒ», ist Tischhauser ΓΌberzeugt.
Talsohle scheint durchschritten
Angesichts der aufgrund der Pandemie erwarteten hohen Auszahlungen fΓΌr alle Arten von Versicherungsunternehmen und angesichts des Schadens, den die niedrigen Zinsen in den entwickelten MΓ€rkten den Versicherern zufΓΌgten, ist die durchschnittliche Aktienrendite von bΓΆrsennotierten Versicherungsunternehmen 2020 in den negativen Bereich gefallen. Der durchschnittliche Wert von Versicherern lag mit minus 5 Prozent deutlich unter dem durchschnittlichen Wert von 15 Prozent ΓΌber alle Branchen hinweg, womit der Versicherungssektor das Schlusslicht unter den 33 von BCG untersuchten Sektoren bildet.
Im Laufe dieses Jahres machten die Versicherungsaktien einen Teil des Bodens aber bereits wieder gut. Einigen Verlusten standen ein sich abhΓ€rtender Markt und ein RΓΌckgang der HΓ€ufigkeit von SchadenersatzansprΓΌchen von Arbeitnehmern gegenΓΌber, da viele Menschen auf Fernarbeit umstellten. Vielleicht lag der Grund aber auch in der Erleichterung darΓΌber, dass die Auswirkungen der Pandemie, so schlimm sie auch war, nicht noch schlimmer gewesen sind.