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Standpunkt

Digital-Health: Kennen Sie den Wert Ihrer Gesundheitsdaten?

Der Umgang mit Gesundheitsdaten muss dringend diskutiert werden. Denn, wenn die Gesellschaft keine Antwort darauf hat, wird der Markt es richten.

Alfred Angerer

Um Menschen zum Teilen ihrer Gesundheitsdaten zu bewegen, braucht es mehr als einfach die Aufforderung dazu.
Um Menschen zum Teilen ihrer Gesundheitsdaten zu bewegen, braucht es mehr als einfach die Aufforderung dazu.Keystone

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Wissen Sie, was Ihre Gesundheitsdaten wert sind? Ich kann Ihnen zumindest sagen, was sie auf dem Internet-Schwarzmarkt dafΓΌr erhalten. Wenn Sie im Darknet einen Patienten-Datensatz kaufen mΓΆchten, mΓΌssen Sie ca. 250 Franken ausgeben. Eine Kreditkartenummer gibt es dagegen schon fΓΌr nur 5 Franken. Da sehen Sie, wie wertvoll Gesundheitsdaten sind. Doch eigentlich ist der Wert fΓΌr die Gesellschaft noch viel hΓΆher als das, was diese dunklen KanΓ€le dafΓΌr verlangen…

Gesundheitsdaten ermΓΆglichen Neustart ins Leben

Stellen Sie sich beispielsweise vor, dass Sie schwer krank sind. Sie werden sehr froh sein, wenn Ihnen die Γ„rzteschaft die richtige Therapie anbieten kann. Und eine solche basiert auf der Forschung mit vielen Patienten-Daten. Lassen Sie uns das Ganze mit einer persΓΆnlichen Patienten-Geschichte veranschaulichen. Der 67-jΓ€hrige Familienvater Michael Negrin litt unter einem gefΓ€hrlichen Blasenkrebs mit schlechter Prognose. Doch leider zeigte die Chemotherapie nicht die erhoffte Wirkung. Also fΓΌhrten die Γ„rzte eine genetische Tumoranalyse durch und stellten fest, dass bei diesem Blasenkrebs ein Medikament wirken kΓΆnnte, das eigentlich bei der Behandlung von Brustkrebs zum Einsatz kommt. Die ungewΓΆhnliche Therapie funktionierte. Letztlich ermΓΆglichte eine Vielzahl im Vorfeld gesammelter Gesundheitsdaten, dass Michael in ein neues Leben starten durfte. Ich bin mir sicher, dass er sehr froh darΓΌber war.

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Alfred Angerer ist Professor an der ZHAW und Leiter der Fachstelle Management im Gesundheitswesen.

Datenteilen nein danke

So eindrΓΌcklich solche Geschichten sind, so stellt sich doch die Frage, wer von uns wirklich Β«HurraΒ» schreit, wenn ein Pharmaunternehmen vorschlΓ€gt, eine grosse Datenplattform aufzubauen, auf der wir all unsere Gesundheitsdaten hochladen und anonym teilen kΓΆnnen. Unsere BevΓΆlkerung ist diesbezΓΌglich in der Regel eher skeptisch – selbst wenn es um das Teilen gegenΓΌber Gesundheitsfachpersonen geht. Laut dem eHealth Barometer 2022 sind nur 58 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer bereit, Gesundheitsfachpersonen fΓΌr Forschungszwecke Einsicht in die eigenen Daten zu geben. Ich mΓΆchte gar nicht wissen, welcher Anteil herausgekommen wΓ€re, wenn dort anstelle von Gesundheitsfachpersonen nach der Industrie als DatenempfΓ€ngerin gefragt worden wΓ€re…
Es ist also alles andere als trivial. Wir kΓΆnnen zwar alle von der Forschung mit Gesundheitsdaten profitieren, haben allerdings ganz starke Bedenken gegenΓΌber der Speicherung und Teilung unserer eigenen Daten. Wie kann man das lΓΆsen? Zwei plakative AnsΓ€tze seien folgend diskutiert: Das Zuckerbrot und die Peitsche.

LΓΆsungsansatz A: Die Peitsche

Meine Gesundheitsdaten gehΓΆren mir! Das klingt erst einmal sehr selbstverstΓ€ndlich. Und doch kΓΆnnte man argumentieren, dass in einem Gesundheitssystem, in welchem SolidaritΓ€t von allen Beitragszahlerinnen und -zahler erwartet wird, auch ich als Individuum etwas zurΓΌckgeben muss. In einem Spital werden beispielsweise Γ„rzte und Maschinen mit MillionenaufwΓ€nden eingesetzt, um mich und andere zu behandeln.

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Β«Die einfachste LΓΆsung fΓΌr die Schweiz wΓ€re also, eine zentrale digitale Datensammelstelle zu grΓΌnden.Β»
GehΓΆren meine Daten dann tatsΓ€chlich nur mir und nicht auch zum Teil der Beitragsgemeinschaft? DarΓΌber streiten sich die Rechtsexperten und Ethikerinnen unserer Zeit ganz wunderbar. Und doch gibt es Gesellschaften, die diese Auseinandersetzung fΓΌr sich klar entschieden haben, und zwar ganz anders als wir in der Schweiz. HΓ€ufig werden als Paradebeispiel die nordischen LΓ€nder angefΓΌhrt, in denen die Datenteilung seit Jahrzehnten gesetzlich und gesellschaftlich verankert ist. So werden in DΓ€nemark Gesundheitsdaten zentral gesammelt, anonymisiert, und in der Forschung eingesetzt. Die explizite Zustimmung der Patienten ist nicht notwendig.
Die einfachste LΓΆsung fΓΌr die Schweiz wΓ€re also, eine zentrale digitale Datensammelstelle zu grΓΌnden und die Datenteilung verpflichtend einzufΓΌhren. Es ist aber anzunehmen, dass die meisten BΓΌrgerinnen und BΓΌrger wohl schon bei den Stichworten Β«zentralisiertΒ» und Β«gesetzlich verpflichtendΒ» zusammenzucken wΓΌrden und die spontane Akzeptanz der WΓ€hlerschaft gegen Null tendieren wΓΌrde.

LΓΆsungsansatz B: Das Zuckerbrot

Β«Aber wir BΓΌrgerinnen und BΓΌrger teilen doch schon so viele DatenΒ», mΓΆgen Sie nun argumentieren. Stimmt. Jede/r unter Ihnen, die/der Apps wie Facebook, WhatsApp oder TikTok nutzt, teilt schon heute massenweise und freiwillig Daten mit den Tech-Giganten. Diese erstellen genaue Profile ΓΌber unser Informationsverhalten im Internet – was wir also wo, wie und wie lange anschauen. Auch, wer unsere Freunde sind, ist diesen Anbietern klar – und vermutlich noch vieles mehr. So ganz genau wissen wir nΓ€mlich nicht, was diese Unternehmen alles von uns aufzeichnen… und was sie damit anstellen. Und wenn wir ganz ehrlich sind, wollen wir es lieber gar nicht so genau wissen.

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Warum machen wir das? Eine ΓΆkonomische Antwort darauf ist, dass wir den Kosten-Nutzen Faktor bei diesem Deal als positiv empfinden. Ich teile gerne viele private Daten mit der Tech-Industrie, weil ich dafΓΌr ja lustige Katzenvideos von Tante Erna zugeschickt bekomme. Und es ist so praktisch, sich mit den Sportvereinskollegen ΓΌber WhatsApp abzusprechen. Unterhaltung und Convenience sind den meisten wichtiger als zu wissen, was genau mit ihren Daten passiert.
Diese Art der grossen Datenteilung wird es im Gesundheitswesen dann geben, wenn uns eine superbequeme App das Verwalten all unserer Gesundheitsdaten und wertvolle Einsichten in unsere Gesundheit erlaubt. Noch gibt es diese durchschlagende Β«Killer-Β»Applikation nicht, aber die grossen Tech-Unternehmen arbeiten fleissig daran, sie zu designen.

Β«Bei Blutspenden erlauben wir nicht, dass diese gegen Geld geschehen. MΓΌssen wir das bei Datenspenden auch so handhaben?Β»

Alfred Angerer, Leiter Fachstelle Management im Gesundheitswesen
Man kΓΆnnte die Schraube noch etwas weiter drehen und sagen: Verkauft uns doch direkt eure Gesundheitsdaten, liebe Patienten. Eure Smartphones und -uhren haben bereits dutzende Sensoren eingebaut und zeichnen stΓ€ndig auf. Wenn ihr uns diese Daten gebt und zusΓ€tzlich noch Zugriff auf eure Handynutzung, dann zahlen wir pro Tag X Franken dafΓΌr. Klingt das nicht verlockend? FΓΌr Sie vielleicht nicht, aber es gibt bestimmt zahlreiche Benutzerinnen, die hier sofort mitmachen wΓΌrden. Bei Blutspenden erlauben wir nicht, dass diese gegen Geld geschehen. MΓΌssen wir das bei Datenspenden auch so handhaben? Oder fΓ€llt das unter Selbstverantwortung? Eine heisse Diskussion ist vorprogrammiert.

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Fazit: Die richtige LΓΆsung gibt es nicht

NatΓΌrlich gibt es noch viele weitere MΓΆglichkeiten. Zwischen der zentralen LΓΆsung Β«Vater Staat steuert alles mit harter HandΒ» und Β«der Markt regelt das von alleineΒ» gibt es unzΓ€hlige Schattierungen. Spannend finde ich beispielsweise die AnsΓ€tze unter dem Stichwort Β«privacy by designΒ». Wenn ein Schweizer Digital Health Start-up seine App so gestaltet, dass weder eine Registrierung noch ein Login nΓΆtig sind (die App also meinen Namen gar nicht kennt), brauche ich mir als User keine Gedanken zu machen, ob das Ganze auch wirklich anonym ist. Vertrauen ist gut, schlau designte Digital-Health-LΓΆsungen sind besser.
Es gibt nicht die eine richtige LΓΆsung. Egal wie wir uns entscheiden, es wird immer Gegenstimmen geben. Mir ist nur wichtig, dass wir bewusst entscheiden und die Konsequenzen akzeptieren. Denn, wenn wir als Gesellschaft keine klare Antwort darauf haben, welche Vorgehensweise wir mΓΆchten, wird der Markt fΓΌr uns entscheiden. Und um diese Entscheidung zu treffen brauchen wir eine klare Kommunikation und AufklΓ€rung darΓΌber, was die Vor- und Nachteile der heutigen Datennutzung sind.

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