Der Internetgigant Amazon sucht in London seit Mitte Oktober Product Manager Β«for EU Product InsuranceΒ». Β«Denken Sie unternehmerisch? MΓΆchten Sie Teil eines neu aufstrebenden GeschΓ€ftsbereiches werden?Β» spricht man potenzielle Bewerber in der Stellenausschreibung an. Bei Amazon sind die Produktversicherungen ein Β«junges und dynamisches Programm in EuropaΒ». GegenwΓ€rtig sind solche Versicherungen in Grossbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien im Angebot. Β«Mit internen und externen Partnern redefinieren wir die Erfahrungen bei Garantien und Produktversicherungen und disruptieren die Art und Weise, wie traditionelle Versicherungen das machen und schaffen dazu noch eine neue Palette von DienstenΒ», heisst es in der Ausschreibung weiter. Β«Wir haben ambitiΓΆse PlΓ€ne, (...) neue, innovative Produkte zu schaffen.Β»
Gute Vorarbeit
Amazon verkauft bereits heute Versicherungsprodukte: Mit Β«Amazon ProtectΒ» kΓΆnnen KΓ€ufer bei der britischen Amazon-Plattform die Produkte gegen BeschΓ€digung und Diebstahl bei der Lieferung versichern lassen. Der Gigant wΓΌrde sich bei neuen Versicherungsprodukten auch nicht im luftleeren Raum bewegen: GemΓ€ss der Global Data-Versicherungsumfrage wΓΌrden 18 Prozent der befragten Konsumenten auch Versicherungspolicen bei Amazon kaufen. Selbst Motorfahrzeugpolicen und Hausratversicherungen wΓΌrden bei Amazon gekauft.
Zudem hat Amazon auch die entscheidenden Vorarbeiten gemacht, um in solche neuen GeschΓ€ftsbereiche einzusteigen: Die Produkte gelten als transparent beschrieben, die Kunden erhalten das, was sie erwartet haben (was man lΓ€ngst nicht von allen Versicherungen behaupten kann). Weiter hat Amazon die Kunden mit dem Β«PrimeΒ»-Angebot bereits an Abonnement-Strukturen und GebΓΌhren fΓΌr Services Β«gewΓΆhntΒ». Das gilt auch fΓΌr MΓ€rkte und Bereiche, wo man von jΓ€hrlichen Rechnungen auf monatliche umgestellt hat.
Und schliesslich erreicht Amazon so seine Kunden direkt. Die Firma weiss bereits heute sehr viel ΓΌber die Kunden und kann ihnen zukΓΌnftig weitere Angebote direkt unterbreiten. Versicherungen wΓΌrden dadurch laut Analysten als Risiko-TrΓ€ger (bestenfalls) in den Hintergrund gedrΓ€ngt. Wenn Amazon in den Bereichen, wo das Gesetz der grossen Zahlen gilt, Risiken selber handhabt, kommen allenfalls RΓΌckversicherungen als RisikotrΓ€ger in Frage. Laut Analysten ist aber auch das fraglich: Das Innovationspotenzial von Amazon wΓΌrde auch da nicht haltmachen; es ist damit nicht ausgeschlossen, dass auch hier eine innovative LΓΆsung in Form eines speziellen ILS-Produktes zum Zug kommen kΓΆnnte.
Unter Beobachtung
Β«Amazon wird sicher seine eigenen Produkte weiter versichern; fΓΌr Defekt, Garantie und DiebstahlΒ», sagt Vontobel-Analyst Stefan SchΓΌrmann. Β«Oder in Form einer erweiterten Garantieleistung und Valuable Personal Property (VPP), einer Art persΓΆnlicher Hausratsversicherung, die im Moment mit Drittparteien wie Helvetia in Deutschland angeboten wird.Β» Da die Margen da sehr hoch sind, lohne es sich, das auf die eigene Bilanz zu nehmen. Β«Generell sind standardisierte Produkte, die sich einfach online verkaufen lassen, interessantΒ», so SchΓΌrmann. Beispiele sind Reiseversicherungen, einfache Hausratversicherungen und Rechtsschutz-Policen.
Β«Wir beobachten jeden neuen Mitbewerber im MarktΒ», heisst es von der Baloise gelassen. Β«Der Aufbau einer Versicherung geschieht jedoch nicht ΓΌber Nacht und setzt fundiertes Know-how zur Risikoberechnung und Schadenexpertise voraus. Zudem bilden unterschiedliche regulatorische LΓ€nderspezifika eine weitere hohe HΓΌrde. FΓΌr Branchenneulinge ist es zudem eine Herausforderung, weil sich etablierte Versicherungen wie die Baloise weiterentwickeln und sich konsequent auf die neuen KundenbedΓΌrfnisse anpassen.Β»
Β«Dass Amazon oder andere internationale Player in den Versicherungsmarkt eintreten, ist mΓΆglichΒ», heisst es von Axa. Β«Wer aber Versicherungen verkauft, muss die gleichen gesetzlichen Vorgaben erfΓΌllen wie wir. Etwa, was die finanziellen Reserven angeht, die eine Versicherung heute haben muss. Dadurch haben wir die gleich langen Spiesse β und wΓ€ren dank unserer Erfahrung gut aufgestellt.Β»
Β«Wir sind davon ΓΌberzeugt, dass das VersicherungsgeschΓ€ft in wenigen Jahren radikal anders aussiehtΒ», prophezeit Frank Keidel, Sprecher bei Zurich. In Zukunft werde es darum gehen, die Kunden rund um die Uhr als Dienstleister zu begleiten. Β«Wir sehen darin eine riesige Chance fΓΌr Zurich. In Deutschland ist Amazon fΓΌr uns kein Gegner, sondern ein GeschΓ€ftspartner. Kunden kΓΆnnen sich mit Amazons Alexa βΉunterhaltenβΊ und rein digital Versicherungsschutz erwerben.Β»